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PROGNOSE: AUSGESTRAHLT

Seit Jahrzehnten propagieren interessierte Kreise die Renaissance der Atomenergie. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Milliardenverluste, Zeitverzögerungen und erneuerbare Energien, die zunehmend kostengünstiger werden.Seit Jahrzehnten propagieren interessierte Kreise die Renaissance der Atomenergie. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Milliardenverluste, Zeitverzögerungen und Erneuerbare Energien, die zunehmend kostengünstiger werden

In den 50er Jahren wurde Atomstrom angepriesen als »too cheap to meter«, zu billig, um den Verbrauch zu messen, heute erweist er sich als »too expensive to matter«, zu teuer, um relevant zu sein. Ende 2025 waren weltweit 406 Atomreaktoren in Betrieb, rund 30 weniger als Anfang 2002, als die Atomindustrie ihren Höhepunkt erreichte. Es wurden Ende 2025 weltweit zwar 65 neue Reaktoren gebaut, mit 34 allerdings mehr als die Hälfte in China. Und von den 31 Staaten, die Atomkraft nutzen, bauten nur 8 neue Atomkraftwerke, drei Viertel hatten keine Reaktorneubauprogramme. Bemerkenswert: 95 Prozent aller AKW-Neubauten (62 von 65) werden in Atomwaffenstaaten oder von Atomwaffenstaaten in anderen Ländern gebaut. Die Staatskonzerne Rosatom (Russland, s. S. 56) und CNNC (China) stellen 44 der 45 Reaktor-Neubauten her, die von Anfang 2020 bis Mitte 2025 begonnen wurden. In den USA, der größten Atomkraftnutzerin, wird kein einziger Reaktor gebaut. Im Gegenteil: Das Durchschnittsalter der 95 US-Reaktoren betrug Ende 2025 44 Jahre, so dass in den kommenden Jahren etliche Reaktoren allein aus Altersgründen stillgelegt werden müssen. Zwar will die Trump-Administration den Bau von Reaktoren wieder anschieben und beschleunigen, aber das dauert. Der Energieversorgerin Constellation Energy Generation hat sie bereits einen Kredit von 1 Mrd. US-Dollar gewährt, um das 2019 aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegte AKW Three Mile Island 2028 wieder ans Netz zu bringen. Microsoft will dessen Strom abnehmen.

Taiwan hat im Gegensatz dazu 2025 den Atomausstieg vollzogen, nachdem bereits Deutschland, Italien, Kasachstan und Litauen ihre Atomprogramme zwischen 1987 und 2023 aufgegeben haben. Derweil hat Atomstrom noch einen Anteil von neun Prozent an der weltweiten Stromproduktion. 2002 hatte die Atomwirtschaft – mit 438 Reaktoren in Betrieb – den historischen Höchststand von 17,5 Prozent erreicht. Seither sank ihr Beitrag kontinuierlich. Berücksichtigt man Mobilität und Wärmebedarf, trugen Atomkraftwerke 2024 weltweit sogar nur 4 Prozent zur Deckung des Primärenergiebedarfs bei. Zum Vergleich: In den Jahren 1984 und 1985 gingen jeweils 33 Meiler erstmals ans Netz, 2025 waren es nur zwei, obwohl Anfang des Jahres 13 angekündigt waren. 1979 waren 234 Meiler im Bau – ein absoluter Höhepunkt, seither gibt es von Jahr zu Jahr immer weniger Neubauten; 1976 wurde mit dem Bau von 44 Reaktoren begonnen, ein historisches Maximum; 2024 waren es noch neun, sechs davon in China. Entsprechend dieser Entwicklung sinkt die Bedeutung von Atomkraft kontinuierlich, während die von Sonne, Wind und Wasser unaufhörlich wächst: Die jährliche Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien ist zwischen 2014 bis 2024 um über 4 500 Terawattstunden (TWh) gestiegen, die Atomstromproduktion lediglich um 197 TWh (s. Abb.).

Die Gründe dafür sind einfach zu erklären: Unabhängig von allen Risiken und Gefahren ist Kernenergie finanziell trotz hoher staatlicher Subventionen und Rettungsprogramme mit Kohle und Gas nicht mehr konkurrenzfähig, seit ein paar Jahren auch nicht mehr mit Wind und Sonne. Atomreaktoren zu bauen ist immer teurer und zu einem wirtschaftlichen Abenteuer geworden. Jeder achte Neubau der Nukleargeschichte wurde vor seiner Inbetriebnahme aufgegeben. Im Jahr 2017 wurde nach dem Bankrott des Herstellers Toshiba-Westinghouse der Bau von zwei Meilern am Standort Virgil C. Summer im US-Bundesstaat South Carolina eingestellt, obwohl die Projektträger bereits ca. 10 Mrd. US-Dollar in das Projekt investiert hatten. Hitachi hatte 2012 mit der Übernahme der britischen Horizon Nuclear Power Ltd. die Lizenz zum Bau von zwei Siedewasser-Reaktoren in Wylfa an der walisischen Küste erhalten. Wegen fehlender privater Investor*innen legte der Konzern das Projekt 2018 zunächst auf Eis und schrieb es 2020 mit einem Verlust von 2,4 Mrd. Euro endgültig ab. Das japanische Unternehmen Toshiba, das bei der Insolvenz seiner ehemaligen Tochtergesellschaft Westinghouse rund 6 Mrd. US-Dollar verloren hatte, zog bei allen Atomprojekten in Übersee, einschließlich Moorside in Großbritannien, den Stecker.

Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen wurden komplette nationale AKW-Neubauprogramme abgebrochen oder »ausgesetzt« – zum Beispiel in Chile, Indonesien, Jordanien, Litauen, Südafrika, Thailand und Vietnam. Das Ausbleiben der »Renaissance der Atomkraft« hatte dramatische finanzielle Auswirkungen auf die Atomkonzerne. Sowohl der historisch wichtigste AKW-Bauer Westinghouse musste Insolvenz anmelden als auch die französische Areva, die sich selbst zur »Weltmarktführerin in der Atomenergie« ernannt hatte. Areva hatte über einen Zeitraum von sechs Jahren einen Verlust von 10,5 Mrd. Euro angehäuft.

Verursacht haben die finanziellen Schwierigkeiten zum großen Teil Neubauprojekte, deren Fertigstellung sich immer weiter hinauszog und deren Kosten dramatisch wuchsen. Im finnischen Olkiluoto wurde der erste europäische Druckwasserreaktor (EPR) gebaut. Baubeginn: 2005, geplante Fertigstellung: 2009, Kalkulation: 3 Mrd. Euro. Im Jahr 2023, mit 14 Jahren Verzögerung, begann die reguläre Stromerzeugung, die Baukosten betrugen 11. Mrd. Euro. Vergleichbar der Bau eines Meilers in Flamanville/Frankreich. Baubeginn: 2007, geplante Fertigstellung: 2012, Kalkulation: 3,3 Mrd. Euro. Der Reaktor ging nach einer endlosen Reihe von technischen und industriellen Debakeln Ende 2024 in Betrieb. Der französische Rechnungshof schätzt die Kosten des Abenteuers auf 23,7 Mrd. Euro, sechsmal so viel wie ursprünglich kalkuliert.

Im Dezember 2013 erhielt der französische Staatskonzern EdF den Auftrag zum Bau der beiden Meiler Hinkley Point C1 und C2 in Großbritannien. Kalkulation: 16 Mrd. britische Pfund. Inzwischen liegen die Kosten zwischen 43 und 47 Mrd. Pfund. Der weltweit erste EPR, der Strom erzeugte, ist Taishan-1, gebaut in China zwischen Oktober 2009 und Juni 2018 – ebenfalls deutlich hinter dem Zeitplan und mit erheblichen Kostensteigerungen. Taishan-2 folgte 2019.

Aber auch bestehende Atomkraftwerke geraten unter wirtschaftlichen Druck, und viele können auf liberalisierten Energiemärkten nicht mehr bestehen. Sechs US-Reaktoren sind bereits vorzeitig stillgelegt worden. Im September 2020 hatte die Exelon Generation die Stilllegung von vier Atommeilern in Illinois angekündigt, weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Erst nachdem der Senat von Illonois am 13. September 2021 694 Mio. US-Dollar für die angeschlagene Nuklearsparte bewilligte, stoppte Exelon die für diesen Tag angekündigte Entnahme der Brennelemente. Atomkraft verbucht seit Jahren deutlich steigende Kosten. Wind- und Solaranlagen sind dagegen immer kostengünstiger geworden und können inzwischen mit bestehenden Kernkraftwerken und fossilen Brennstoffen konkurrieren (s. Abb. oben und S. 60/61). Geradezu absurd ist es deshalb, dass die Weltbank sogenannte Entwicklungsländer dabei unterstützen möchte, kleine Atomkraftwerke zu bauen.

Wirtschaftlich hat Atomkraft keine Zukunft und ist ohne staatliche Subventionen nicht überlebensfähig. Die Betreiber setzen auf Laufzeitverlängerungen, was das Katastrophenrisiko deutlich erhöht. Und oft werden neue AKWs nur aus militärischen und strategischen Gründen gebaut.

Weiterführende Informationen

• World Nuclear Industry Status Report 2025, Mycle Schneider et al., als PDF auf worldnuclearreport.org