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EUROPA: GLOBALER GROSSABNEHMER

Anfang 2026 waren in der Europäischen Union noch 98 Atommeiler am Netz. Damit ist die EU die weltweit größte Uranverbraucherin. Der Brennstoff kommt aber nur noch von außerhalb, und gegen neue Bergwerke gibt es heftigen Widerstand

Mit der südöstlich von Prag gelegenen Rožná-Mine wurde Anfang 2017 die letzte Mine in Mitteleuropa stillgelegt. Rožná wurde bereits in den 50er Jahren erschlossen, beschäftigte während ihrer Hochzeit in den 70er Jahren 4 000 Menschen und lieferte insgesamt 4 000 Tonnen Uran. Im November 2021 musste die Crucea-Mine in Rumänien als letzte noch arbeitende Uranmine in der EU dicht machen, weil die nationale Urangesellschaft, die die Mine betrieb, Insolvenz angemeldet hat. Das Unternehmen war ohnehin nur durch einen Millionenkredit am Leben erhalten worden, nachdem sich die rumänische Nuclearelectrica als einzige Abnehmerin 2016 dafür entschied, billigeres Uran aus Kanada zu kaufen. Der rumänische Staat hat mit dem heimischen Uran eine Art nationale Uranreserve gebildet.

Heute gibt es in Europa nur noch in Kasachstan, Russland und der Ukraine Uranbergbau. Dabei ist seine Geschichte auch hier lang und verhängnisvoll. Noch während des Zweiten Weltkriegs, im Januar 1945, begannen sowjetische Geolog*innen in Bulgarien nach Uran zu suchen. Die Sovjets befanden sich – genauso wie die USA mit dem Manhattan-Projekt – mit Nazi- Deutschland in einem Wettlauf beim Bau der Atombombe. Sie konnten damals aber genauso wenig wie die US-Regierung abschätzen, wie weit Hitlers Kriegsindustrie bereits in der Lage war, die von der Propaganda angekündigte »Wunderwaffe« fertigzustellen; immerhin hatte Otto Hahn 1938 in Berlin die erste kontrollierte Kernspaltung durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Bomben-Projekt der Sowjetunion weiter. So begannen bereits Ende Mai 1945 Erkundungen im tschechischen Jáchymov und im Erzgebirge. Getrieben vom Wettrüsten in den Zeiten des Kalten Krieges, holten die Menschen in Sachsen und Thüringen bis zur Wende 217 000 Tonnen Uran aus der Erde (s. S. 24-25), in Tschechien über 100 000 Tonnen (s. S. 26-27).

Bis Ende der 50er Jahre haben die Bergleute in Tschechien und der DDR unter schlimmsten Bedingungen Uranerz gefördert, in beiden Ländern wurden viele sogar zwangsverpflichtet. Insgesamt haben über eine halbe Million Menschen für die Wismut gearbeitet, die als Betreibergesellschaft den Uranbergbau in der DDR organisierte. In der Sowjetunion selbst wurden bis zu ihrem Zusammenbruch »nur« rund 100 000 Tonnen Uran gefördert, Kasachstan und die Ukraine wurden erst danach wichtige Uranproduzenten. In Ostdeutschland wurde der Uranbergbau nach der Wiedervereinigung eingestellt, in Tschechien erst 2017. Deutsche Steuerzahler*innen haben bis Ende 2024 rund 7,3 Milliarden Euro für die Sanierung der Hinterlassenschaften des Uranbergbaus in Sachsen und Thüringen ausgegeben – so viel wie kein anderes Land oder Unternehmen. In Tschechien investierte der Staat bis 2020 umgerechnet 540 Millionen Euro. Bis 2040 will er noch einmal das Dreifache ausgeben.

In Westdeutschland suchte die Atomindustrie seit den 50er Jahren ebenfalls nach Uran. Menzenschwand im Schwarzwald, Müllenbach bei Baden-Baden, Mähring in der Oberpfalz und Weißenstadt im Fichtelgebirge heißen die Orte, an denen zumindest zeitweise Uran abgebaut wurde. In Ellweiler in Rheinland-Pfalz wurde es zwischen 1961 und 1989 zu Yellowcake verarbeitet, dem Ausgangsstoff für die Herstellung von Brennelementen. Nachdem festgestellt wurde, dass aus den illegalen Abraumhalden zu viel Radon emittierte und die zulässigen Grenzwerte überschritten wurden, meldete der Betreiber Konkurs an. Der Staat ließ die Halden mit 6,9 Millionen Mark aus öffentlichen Kassen sanieren. Weil es letztendlich keine wirtschaftlich interessanten Lagerstätten gibt, kam es in der alten Bundesrepublik nie zu einem kommerziellen Abbau im großen Stil.

Frankreichs Atomindustrie konnte auf größere Vorkommen zurückgreifen: Es gab um die 250 Uranbergwerke, die rund 81 000 Tonnen Uran aus dem Boden geholt haben. Darunter waren viele kleine Minen mit nur einem Schacht, aber auch große Bergwerke wie Mas Lavayre oder Margnac-Peny aus denen 5 000 bis 10 000 Tonnen abgebaut werden konnten. Alle Lagerstätten in Frankreich sind weitgehend ausgebeutet worden, die letzte Mine wurde im Jahr 2001 geschlossen, praktisch keine einzige wurde ordnungsgemäß saniert.

In allen Abbaugebieten Frankreichs, die der Strahlenschutzspezialist Bruno Chareyron mit seinem Labor CRIIRAD untersucht hat, lag die Strahlungsbelastung weit über der normalen Hintergrundstrahlung. Die radiologische Gefährdung für Anwohner*innen besteht weiter, so das Ergebnis seiner Untersuchungen, und ist mit der Schließung der Minen längst nicht behoben.

Portugal wiederum, das selbst kein einziges Atomkraftwerk hat, gehörte mit 91 Uranminen und insgesamt 3 720 Tonnen bis 1991 ebenfalls zu den Uranförderern Europas. Im Nachbarland Spanien, dessen letzte Mine 2001 geschlossen wurde, waren es über 5 000 Tonnen. Wie in den meisten Ländern mit Uranbergbau wurde die Hinterlassenschaft nur unzureichend saniert.

Mit der Einstufung von Atomkraft im Rahmen der sogenannten EU-Taxonomie als »ökologisch nachhaltig« im Jahr 2022 ist wieder die Frage relevant geworden, ob innerhalb der EU auch der Uranbergbau erneut aktiviert werden soll. Zumal die Abhängigkeit Europas von Uran und Brennelementen aus Russland groß ist (s. S. 37) und die Gemeinschaft sich vorgenommen hat, ihre »Abhängigkeit von russischer Energie vollständig zu beenden«.

Nach neuen Uranbergbau-Projekten sieht es dennoch nicht aus. In Spanien liegt das sogenannte Salamanca-Projekt auf Eis, seit die Behörden 2021 sämtliche Genehmigungen widerrufen und einer Uranmühle die Baugenehmigung verweigert haben. Auch in Tschechien kommt der Uranbergbau nicht voran, obwohl die Regierung seit 2022 die Wiederaufnahme des Bergbaus in der Uranlagerstätte Brzkov unterstützt. Die Beispiele zeigen, dass das Ende des Uranbergbaus in Europa nicht von alleine kommt. Vor allem anhaltende Proteste haben bisher neue Abbauprojekte verhindert.

Weiterführende Informationen

• Dän. Institut für Internationale Studien: diis.dk/en/projects/governing-uranium
Bulletin of the Atomic Scientists: thebulletin.org/