Jahresbrief der Nuclear Free Future Foundation 2025
Was mussten wir das vergangene Jahr nicht alles erleben: US-Präsident Donald Trump und seine Administration zerlegen seit einem Jahr demokratische Institutionen und schränken wissenschaftliche Auseinandersetzung auf vielen Ebenen ein, vor allem dort, wo Erkenntnisse nicht in deren Weltbild passen. Der Ukraine-Krieg wiederum geht bald in sein fünftes Jahr und noch immer ist kein Ende in Sicht, auch wenn derzeit viel über Frieden geredet wird. Angesichts der russischen Invasion, diskutieren wir hierzulande über die Wiedereinführung der Wehrpflicht und erhöhen unsere Rüstungsausgaben bis 2029 auf 153 Milliarden Euro im Jahr – fast doppelt so viel wie 2025. Und im kommenden Jahr sollen in Deutschland US-Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 2500 Kilometern stationiert werden. Umgekehrt hat Russlands Präsident Wladimir Putin neue Mittelstreckenraketen bauen lassen und mit Atomsprengköpfen in Weißrussland stationiert – nahe der europäischen Grenze.
Wir müssen leider feststellen, dass die Zeit der atomaren Abrüstung beendet ist. Das Friedensforschungsinstitut SIPRI schreibt in seinem Jahresbericht 2025: „Die bilaterale nukleare Rüstungskontrolle zwischen Russland und den USA geriet vor einigen Jahren in eine Krise und ist nun fast vollständig zusammengebrochen.“ Der INF-Vertrag, den im Dezember 1987 US-Präsident Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, der Generalsekretär der UdSSR, unterzeichnet haben, ist Geschichte. Damals vereinbarten die beiden Großmächte sowohl ihre Nuklearraketen an Land als auch deren Abschussvorrichtungen und die dazu gehörende Infrastruktur zu vernichten. Der Vertrag war ein Meilenstein zur Beendigung des Kalten Krieges und hat vor allem Europa Sicherheit gebracht. Es folgten weitere Abrüstungsverträge, so dass die USA und die Sowjetunion bzw. Russland mehr als vier Fünftel ihres Atomwaffenarsenals abgerüstet haben.
Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen: Erstmals seit langem ist die Zahl der Atomsprengköpfe wieder gestiegen – nach Angaben des Friedensforschungsinstituts SIPRI auf 12.241 Stück. China modernisiert und erweitert sein Atomwaffenarsenal ebenfalls, und auch Indien und Pakistan scheinen ihre Atomwaffenbestände zu vergrößern. Bei einem kriegerischen Konflikt im April 2025 drohte Pakistan offen mit dem Einsatz seiner Atomwaffen. Nordkoreas militärisches Nuklearprogramm ist zentraler Bestandteil seiner nationalen Sicherheitsstrategie. Besonders erschreckend: SIPRI sieht, ohne Namen zu nennen, Anzeichen dafür, „dass weitere Staaten dem ,Nuklearclub‘ beitreten werden“.
Diese Entwicklung ist ein zentraler Grund dafür, dass auch die Befürworter der „friedlich“ genutzten Atomkraft immer lauter nach neuen Atomkraftwerken und sogenannten Small Modular Reactors (SMR) rufen. Denn Atombomben sind ohne Atomkraftwerke nicht denkbar. Frankreichs Präsident Emanuel Macron hat dies in einer Rede vor der französischen Atomschmiede Le Creusot ganz unverblümt gesagt: „Das eine geht nicht ohne das andere. Ohne zivile Atomkraft gibt es keine militärische Atomkraft, ohne militärische Atomkraft gibt es keine zivile Atomkraft.“
Rein wirtschaftlich machen Atomkraftwerke und Atomstrom überhaupt keinen Sinn: das Fraunhofer Institut hat errechnet, dass Strom aus neuen Atomkraftwerken in Deutschland zwischen 13,6 und 49 Cent/Kilowattstunde kosten würde und dabei die Endlagerung von Atommüll noch nicht einmal einberechnet. Wie teuer Atomkraft ist, zeigt das Beispiel Frankreich: der vor einem Jahr in der Normandie ans Netz gegangene Reaktor Flamanville 3 kostete nach Angaben des Französischen Rechnungshofs 23,7 Mrd. Euro, kalkuliert waren drei. Der Atomsektor trägt wesentlich dazu bei, dass Frankreichs Regierung mit einer Staatsverschuldung von rund 3.300 Milliarden Euro vergangenen September zusammengebrochen ist.
Vergleichbares können wir zum Hype um die „kleinen Reaktoren“ feststellen: Zu SMRs hat die Nuclear Energy Agency mit Sitz in Paris über 100 Start-up-Designs gelistet, aber außer dass alle nach staatlichen Geldern rufen, ist nichts an der Technik dran. Ihre geringe Größe – 300 Megawatt oder weniger – macht sie noch unwirtschaftlicher als die großen Reaktoren. Im US-Bundesstaat Idaho wollte NuScale das erste Mini-AKW bauen und hat dafür laut Wirtschaftswoche bereits 1,4 Mrd. US-Dollar an Subventionen erhalten. Im November 2023 wurde das US-Vorzeigeprojekt eingestellt, nachdem NuScale die eigene Kostenschätzung massiv nach oben korrigiert hat.
Rund um den Globus sind Erneuerbare Energien dagegen inzwischen deutlich kostengünstiger als Atomstrom und selbst gegenüber bestehenden Kohle- oder Kernkraft-Kraftwerken konkurrenzfähig. Es fehlt allerdings an einer Politik, die bereit ist, die richtigen Weichen zu stellen und dafür zu sorgen, dass wir die Kraft von Sonne, Wind, Wasser, Geothermie und Biomasse auch entsprechend nutzen. Das Deutsche Institut für Wirtschaft hat schon vor Jahren errechnet, dass Deutschland seinen Energiebedarf im Bereich Strom, Wärmeversorgung und Verkehr binnen weniger Jahre komplett mit Erneuerbaren Energien decken kann – allerdings braucht es ein Umdenken bei der deutschen und europäischen Netzplanung.
Wir wissen, dass derzeit ein ambitionierter Klimaschutz, der Einsatz für Erneuerbare Energien und die Abkehr von Atomkraft sowohl national wie international in der Defensive sind. Wir wollen aber mit dazu beitragen, dass sich daran etwas ändert: Im März veröffentlichen wir die aktualisierte und erweiterte Ausgabe des Uranatlas. Und wir liefern darin einmal mehr die Daten und Fakten zu der Tatsache, dass Atomkraft keine Zukunft hat.
Atomkraft ist allerdings eine wesentliche Voraussetzung zur Modernisierung und Erweiterung des Atombombenarsenals, deshalb halten viele Staaten an dieser Technologie fest oder streben danach. Auch wenn es derzeit nicht nach Abrüstung aussieht, möchten wir Ihnen mit einem Blick zurück Hoffnung machen: In der Vergangenheit haben sich gerade nach großen nuklearen Krisen die Atommächte verständigt und aus der Krise gelernt, dass Vertrauen und Abrüstung sicherer sind als gegenseitige Drohung: Der Kuba-Krise im Oktober 1962 folgte 1963 der Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre und fünf Jahre später der Atomwaffensperrvertrag. Es folgten SALT 1 (1972) und SALT 2 (1979). Und der Stationierung von Pershing II-Mittelstreckenraketen 1983 in Deutschland und Europa folgten der INF-Vertrag und eine Zeit der Deeskalation und Abrüstung. Es bedarf heute eines neuen allgemeinen Verständnisses darüber, dass Atomwaffen und Aufrüstung keine Sicherheit garantieren.
Zum Erscheinen des Uranatlas haben wir die Ärztevereinigung IPPNW Deutschland als neue Mitherausgeberin gewonnen, die wie kaum eine andere Vereinigung für atomare Abrüstung und Deeskalation steht. Wir hoffen, dass diese Partnerschaft dem Uranatlas zu weiterer Verbreitung verhilft.
In diesem Geist möchten wir uns an Sie wenden und gleichzeitig bedanken. Die Fortführung unserer Arbeit ist ohne Förderungen, Zuwendungen und auch Ihre Spenden nicht möglich. Von daher bitten wir Sie um eine großzügige Spende.
Mit sehr herzlichen Grüßen, den besten Wünschen für das bevorstehende Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr.
Franz Moll
Frauke Liesenborghs
Dr. Horst Hamm