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Fedor Maryasov und Andrey Talevlin, Russland

Kategorie Widerstand

Sich in Russland offen gegen den Staat und den Staatskonzern Rosatom zu stellen, der im Land sämtliche Aktivitäten in Sachen Atomkraft koordiniert, bedarf großen Muts. Der Journalist Fedor Maryasov und der Jurist Andrey Talevlin gehören zu denen, die sich das getrauen. Extremist und ausländischer Agent – das sind die Bezeichnungen, mit denen die russische Staatsmacht versucht, die beiden zu diskreditieren, zu kriminalisieren und mundtot zu machen.

VIDEO: Fedor Maryasov über die Situation in Sibirien

VIDEO: Andrey Talevlin zum Widerstand gegen den Atomstaat Russland

Extremist und ausländischer Agent – das sind die Bezeichnungen, mit denen die russische Staatsmacht versucht, Fedor Maryasov und Andrey Talevlin zu diskreditieren, zu kriminalisieren und mundtot zu machen.

Fedor Maryasow wuchs in der Uranbergbaustadt Zarafshon in Usbekistan auf und erlebte schon in Jugendjahren, dass in dem See, in dem er und seine Freunde schwammen, Fische durch genetische Anomalien entstellt waren. Die Behörden schwiegen. Heute lebt und arbeitet er als Journalist in Zheleznogorsk (ehemals Krasnojarsk-26), im Gebiet Krasnojarsk in Sibirien, einer geschlossenen Atomstadt mit rund 85.000 Einwohnern. Die Stadt wurde in den 1950er Jahren gegründet, um waffenfähiges Plutonium zu produzieren. Noch heute kann sie nur mit Sonderausweis betreten werden.

Maryasow nimmt seine Arbeit ernst, was in Russland kein leichtes Unterfangen ist. Jahrelang und mit über 100 investigativen Beiträgen macht er in Russland und vor der ganzen Welt die Geheimpläne des staatlichen Atomkonzerns Rosatom publik, ein unterirdisches Endlager für Atommüll zu bauen. Die öffentliche Beteiligung war gleich null, kritische Stimmen waren nicht erwünscht. 2013 versucht er mit einer von 146.000 Menschen unterschriebenen Petition den Plan zu verhindern.

Im gleichen Jahr produziert er mit der NGO Green World den Dokumentarfilm „Digging Our Own Grave”. Auch hier geht es um die fragwürdigen Machenschaften von Rosatom. 2014 veröffentlicht er schließlich den atomkritischen Report „The Siberian Gambit“, in dem erstmals alle Aktivitäten des Bergbau- und Chemiekombinats in Zheleznogorsk von 1950 bis zur Gegenwart zusammen getragen wurden. Gleichzeitig sorgt er dafür, dass die von ihm aufgedeckten Verstöße in Massenmedien veröffentlicht werden – mit den Namen von Verantwortlichen, etwa Beamten und Wissenschaftlern, die sich dazu hergaben, Informationen zu vertuschen.

Der russische Staat reagiert nicht „amused“ auf so viel Widerstand. Maryasow wird Inkompetenz, Lüge und Fälschung vorgeworfen, der Geheimdienst setzt ihn unter Druck, der Federal Security Service durchsucht seine Wohnung und beschlagnahmt seinen Computer. Der russische Staat ermittelt und wirft ihm „Extremismus“ vor. Ihm drohen hohe Geldstrafen und bis zu fünf Jahren Haft.

Andrey Talevlin studierte Rechtswissenschaften in Tscheljabinsk, rund hundert Kilometer südlich von Majak. Dort explodiert am 29. September 1957 ein Tank mit radioaktiven Abfällen, einer der schlimmsten Unfälle des Atomzeitalters. Die vulkanartige Explosion ist Hunderte Kilometer weit zu sehen und wird offiziell zur Polarlicht-Erscheinung erklärt. Vielleicht gerade deshalb, weil um Majak ohnehin 20.000 Quadratkilometer radioaktiv verseucht sind, will Rosatom dort abgebrannte Brennelemente wiederaufbereiten. Talevlin organisiert den Protest und beteiligt sich an gewaltfreien Aktionen. Mehrmals wird er verhaftet, er kann aber weiterhin an der Universität als außerordentlicher Professor für ökologisches sowie Land-  und Atomrecht lehren.

Talevlin nutzt seine Reputation und vertritt die Öffentlichkeit und russische NGOs mehrfach vor Gericht. 2002 beispielsweise gelingt es dem Juristen, dass der Supreme Court Russlands die Einfuhrgenehmigung von 370 Tonnen Atommüll aus dem ungarischen Atomkraftwerk Pak widerruft. 2010 lernt die deutsche Bundesregierung erstmals seinen Widerstand kennen: Nach einer von ihm mitinitiierten internationalen Kampagne gibt sie den Plan auf, bestrahlten Kernbrennstoff aus einem Forschungsreaktor in die Wiederaufbereitungsanlage Majak zu schicken. 2013 wehrt die NGO Green World von Oleg Bodrov – er wurde 2010 mit dem NFFA ausgezeichnet – schließlich mit seiner Hilfe die Ansprüche der Wiederaufbereitungsfirma JSC Ecomet-S ab. Sie verlangte eine finanzielle Entschädigung dafür, dass Green World ihren Ruf ruiniert habe. Und im Frühjahr 2020 ist er einer der Initiatoren eines offenen Briefes an Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Wladimir Putin: 47 NGOs aus Russland, Deutschland und Holland fordern darin, den Export von abgereichertem Uran aus der Urananreicherungsanlage Urenco in die geschlossenen Atomstädte Russlands zu stoppen.

Die russische Staatsmacht hat dem streitbaren Juristen bereits 2015 den Status eines „ausländischen Agenten“ verliehen. Man kann diese offene Drohung auch als Auszeichnung dafür werten, dass sein Engagement gegen die Machenschaften der russischen Atomindustrie und für eine intakte Umwelt große Wirkung hat. Was sich in gleicher Weise für die Einstufung Fedor Maryasov als „Extremist“ sagen lässt. So zweifelhaft diese Auszeichnungen sind – mit dem Nuclear Free Future Award wird den beiden Streitern eine überreicht, die über jeden Zweifel erhaben ist. Wir verneigen uns damit vor ihnen und ihrem unbeugsamen Willen.

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