Mordechai Vanunu
2002 Nuclear-Free Future Resistance Award
Mordechai Vanunu kommt am 13. Oktober 1954 in Marokko zur Welt. Sein Vater, ein
Rabbiner, emigriert 1963 mit der Familie – Mordechai hat zehn Geschwister – nach Israel und
lässt dem Jungen eine traditionelle jüdische Erziehung zuteil werden. Nach drei Jahren
Militärdienst beginnt Mordechai ein Physikstudium, das er aus finanziellen Gründen
abbrechen muss. Im "Forschungszentrum" Dimona in der Negev-Wüste wird er 1976 als
Techniker angestellt. Nach und nach findet er heraus, dass in Dimona tief unter der Erde
insgeheim Plutonium für Atomwaffen hergestellt wird. Er beginnt heimlich zu fotografieren
und sammelt Beweise dafür, dass Israel rund 200 Sprengköpfe besitzt und damit die
sechstgrößte Atommacht ist.
Neben seiner Arbeit hört Vanunu Philosophievorlesungen an der Ben-Gurion-Universität.
Philosophische und religiöse Grundlagen der Ethik interessierten ihn besonders. Aus
Gewissensgründen verlässt er 1985 Dimona und beschließt sein Wissen publik zu machen. Er hält den "Verrat" es für seine moralische Pflicht gegenüber Israel und der ganzen Welt. "Der
Kampf gegen Kernwaffen ist nicht nur legitim, sondern moralisch unausweichlich", schreibt
er später.
Israel bestritt damals wie heute den Besitz von Atomwaffen. Einer Inspektion von Dimona
durch die Wiener Atomenergiebehörde hatte man zwar zugestimmt, die Inspektoren aber
hinters Licht geführt, indem man vor ihrem Besuch die Zugänge zum kritischen Teil der
Anlage zumauerte.
Sein Interesse an östlicher Philosophie führt Vanunu Ende 1985 nach Nepal, Burma und
Thailand. In Sydney freundet er sich mit einem anglikanischen Geistlichen an, der wie er
selbst Kernwaffen für eine Geißel der Menschheit hält und Vanunu das Christentum näher
bringt. 1986 lässt er sich taufen.
Ein Exfreund bietet Vanunus Geschichte der Londoner Sunday Times an – angeblich für eine
Viertelmillion Pfund. Vanunu selbst geht es nicht um Geld. Die Times holt ihn nach London
und lässt sein Beweismaterial über Dimona von Fachleuten prüfen. Wenige Tage vor der
sensationellen Veröffentlichung am 5. Oktober 1986 lockt eine Amerikanerin ihn nach Rom;
er sei dort sicherer. In Rom wartet der Mossad auf ihn. Vanunu wird betäubt, gekidnappt und
in Ketten nach Israel geschafft.
In einem Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird Vanunu wegen Hochverrats und
Spionage zu 18 Jahren verurteilt. Im Gefängnis Shikma in Aschkelon sitzt er über elf Jahre in
Einzelhaft. Seine Zelle misst zwei auf drei Meter und hat kein Fenster. Als Mensch leidet er,
als "Fall" wird er weltweit beachtet. Für Israel ist er der "Atomspion", für Amnesty
International ein "Gefangener aus Gewissensgründen", an dem ein Exempel statuiert werden
soll.
In vielen Ländern werden Unterstützergruppen aktiv. 1987 erhält er den Right Livelihood
Award, den alternativen Nobelpreis. Zweimal wird er für den Friedensnobelpreis nominiert.
Parlamentarier in der Knesset, im britischen, amerikanischen und europäischen Parlament
setzen sich vergeblich für ihn ein. 1998 – Israel begnadigt zur Feier der Staatsgründung vor
50 Jahren viele Strafgefangene - unterzeichnen tausend höchst prominente Politiker,
Geistliche, Wissenschaftler und Künstler aus aller Welt ein an Präsidenten Weitzmann
gerichtetes Gnadengesuch. Mordechai Vanunu bleibt im Gefängnis Shikma.
1997 adoptiert ihn ein amerikanisches Ehepaar, dem es jedoch nicht gelingt, ihm die
amerikanische Staatsbürgerschaft zu verschaffen. Seine Adoptiveltern und zwei seiner Brüder
dürfen ihn in Shikma besuchen, nicht aber sein geistlicher Oberhirte, Reverend Riah Abu el-
Assal, der für den ganzen Nahen Osten zuständige anglikanische Bischof von Jerusalem.
2000 wird Mordechai Vanunu mit dem Nuclear-Free Future Award ausgezeichnet; entgegennehmen darf er ihn
ebenso wenig wie den alternativen Nobelpreis. 2003 führt die Ausstrahlung eines BBC-
Dokumentarfilms über Vanunu in Israel zu Drohungen gegen den Sender. Im März 2004 –
Vanunu soll am 21. April entlassen werden – entscheidet Scharon im Einvernehmen mit
Justiz- und Verteidigungsminister und den Geheimdiensten, dass Vanunu keinen Reisepass
bekommt und unter Beobachtung gestellt wird. Der Vorschlag eines Sicherheitsbeamten aus
dem Verteidigungsministerium, ihn doch als "administrativen Häftling" weiter gefangen zu
halten (eine Justizvariante, die bisher nur auf palästinensische Terroristen angewendet wird)
wird abgelehnt; die israelische Regierung befürchtet einen weltweiten Aufschrei – und
Probleme mit dem eigenen Obersten Gerichtshof.
Unterstützer und Journalisten aus vielen Ländern werden am 21. April vor dem Gefängnistor
in Aschkelon stehen, um Mordechai Vanunu in der partiellen Freiheit zu begrüßen. Seine
Geschichte ist noch nicht zu Ende.
--Wolfgang Heuss
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