Nuclear-Free News


Was wird aus der Atomkraft?

Von Klaus Traube,
2000 Nuclear-Free Future Lifetime Achievement Preisträger
Essay aus Natur+Kosmos, Ausgabe Mai 2005

Seit Jahren berichten die Medien periodisch über eine bevorstehende Renaissance der Atomenergie. Auftrieb bekamen solche Spekulationen letztes Jahr durch die finnische Entscheidung zum Bau eines neuen Kernkraftwerks und einen im letzten Juli veröffentlichten Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Darin verkündet diese Zentralinstanz der Atomgemeinde, im Zuge der Klimadebatte könne Atomenergie wieder Auftrieb bekommen. Bis 2030 könnte die weltweite Atomkapazität auf das 2,5fache wachsen, bis 2050 auf das Vierfache. Dementsprechend verkündete Gero von Randow in der Zeit eine "neue Strahlkraft" der Atomenergie. Und IAEA-Chef El Baradei verkündete jüngst, bis 2020 würden 127 Kernkraftmeiler mehr gebaut als bislang erwartet.

Doch wie steht es wirklich um sie? Der Blick auf die Atomstatistik lässt nichts erkennen, was für eine Renaissance spricht. Daran ändern auch je ein neues AKW in Finnland und möglicherweise in Frankreich nichts. Es mag zwar einzelne neue Projekte geben, insbesondere Ersatz für aus Altersgründen stillgelegte AKWs, aber nicht den Ausbau der Atomkraft, der einen ernsthaften Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte. Genauer betrachtet: Derzeit sind weltweit 439 Atomkraftwerke in Betrieb. Sie tragen 17 Prozent zur weltweiten Elektrizitätserzeugung bei. Der Anteil der Elektrizität am Energiebedarf der Endverbraucher beträgt 16 Prozent. Atomstrom deckt damit 2,7 Prozent des weltweiten Endenergiebedarfs. Allein die Wasserkraft erzeugt so viel Strom wie die Atomenergie. Und Biomasse trägt erheblich dazu bei, den globalen Wärmebedarf zu decken. Wie gering die Bedeutung der Atomenergie ist, zeigt auch ein Blick auf die Verteilung. Atomkraftwerke gibt es nur in 31 Staaten. Knapp zwei Drittel der AKW-Kapazität befinden sich in nur vier Ländern: in den USA, in Frankreich, Japan und Deutschland. In Entwicklungs- und Schwellenländern sind nur zehn Prozent der AKW-Kapazität installiert, davon über die Hälfte allein in Südkorea und Taiwan.

Mitte der 60er-Jahre begann die kommerzielle Nutzung. Da gab es tatsächlich einen Boom an Aufträgen zum Bau von Leichtwasserreaktoren. Die Erwartungen waren damals hoch. Die IAEA prognostizierte 1974, im Jahr 2000 würde weltweit eine AKW-Kapazität von 4500 Gigawatt installiert sein. Tatsächlich sind heute 365 Gigawatt am Netz – gerade mal ein Zwölftel. Denn Mitte der 70er-Jahre brach in den USA der Auftragsboom abrupt ab. Über die Hälfte der bestellten oder schon im Bau befindlichen AKWs wurde – teils unter großen Verlusten – aufgegeben. Primäre Ursache waren dramatische Kostensteigerungen. So musste RWE 1969 für Biblis A einen Festpreis von 750 Millionen Mark bezahlen. Das letzte in Deutschland errichtete AKW Neckar 2 kostete fünf Milliarden Mark. Nur in Frankreich wurde seit Mitte der 70er-Jahre die Atomkraft stark ausgebaut. Außerdem gab es in Japan, Südkorea und dem damaligen Ostblock Bestellungen für AKWs. Nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 wurden nur noch wenige Aufträge in einigen asiatischen Ländern erteilt.

Wie sieht nun die Zukunft aus? Laut IAEA-Statistik sind weltweit 26 AKWs im Bau. Doch zehn Projekte wurden schon vor 1986 begonnen und danach abgebrochen. Es gibt freilich Geraune, Präsident Bush wolle neue AKWs. Reagan wollte das auch – die Industrie nicht. Oder "auch Kanada baut aus" (Die Zeit). Tatsächlich wurde der letzte Auftrag 1978 erteilt, die letzte Inbetriebnahme erfolgte 1993. Seitdem wurden jedoch fünf große AKWs stillgelegt.

Die enorm gefährliche Atomenergie ist energiewirtschaftlich ein Flop – und wird es bleiben. Aber unterstellen wir einmal, es wäre möglich, die weltweite AKW-Kapazität tatsächlich erheblich auszubauen – die Uranreserven gingen bald zu Ende. Selbst beim jetzigen Verbrauch reichen sie nur bis zur Mitte des Jahrhunderts. Nehmen wir an, der Energiebedarf steigt, wie von der IAEA prognostiziert, bis 2030 um 60 Prozent und der Strombedarf um 100 Prozent. Nehmen wir weiterhin an, es wäre möglich, die Atomkapazität so weit auszubauen, dass Atomstrom dann 50 –- statt derzeit 17 -– Prozent zur gesamten Stromerzeugung beiträgt. Dennoch würde sich der Anteil des Atomstroms an der Deckung des Energiebedarfs lediglich von 2,7 auf zehn Prozent erhöhen. Damit würde Atomkraft nicht mehr einen marginalen, aber immer noch einen nur mäßigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Wie sieht es dann aber mit den Reserven an Uran aus? 2002 bezifferte die IAEA den jährlichen Uranbedarf auf 65 000 Tonnen, die Summe der gesicherten und vermuteten Uranreserven auf 3,9 Millionen Tonnen. Wenn nun in unserem Szenario der Verbrauch ab dem Jahr 2010 linear ansteigt und bis 2030 das 5,9fache erreicht, dann würden bis 2030 etwa 4,8 Millionen Tonnen Uran benötigt – ein Viertel mehr, als es an "gesicherten und vermuteten" Reserven gibt. So geht es offenbar nicht. Doch der "Zeit"-Artikler weiß Rat. Auf einer IAEA-Tagung "galt die Wiederkehr des Schnellen Brüters als ausgemacht".

Das Konzept der Plutoniumwirtschaft, ein System von Brutreaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen, war die Basis der Verheißung unerschöpflicher Atomenergie. Mit diesem System ließe sich aus dem Uran bis zu 60-mal mehr Energie gewinnen als in den heutigen Reaktoren. Deshalb begann die Entwicklung des Brüters parallel zur Entwicklung der heute existierenden AKW-Typen, die nur als Übergangslösung betrachtet wurden. Noch vor dem Bestellboom für Leichtwasserreaktoren in den 60er-Jahren arbeiteten in den USA, Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion bereits kleinere Prototyp-Brüterkraftwerke. Bis Mitte der 70er-Jahre schien die kommerzielle Nutzung der Brüter erreichbar. Tatsächlich ist heute weltweit nur noch ein Brüterkraftwerk in Russland in Betrieb. Der 1972 in Kalkar begonnene deutsche Brüter wurde 1991 aufgegeben –- nach 19 Baujahren und sieben Milliarden Mark Baukosten. Das analoge US-Projekt wurde nie ausgeführt. Demonstrationsbrüter mittlerer Leistung wurden zwar Mitte der 70er-Jahre in Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion in Betrieb genommen, aber im Verlauf der 90er-Jahre stillgelegt. Während der Inbetriebnahme des japanischen Parallelprojekts Monju kam es 1995 zu einem schweren Unfall. Es ist unklar, ob es noch ans Netz gehen wird. Das weltweit einzige Brütergroßkraftwerk, der 1200-Megawatt-Superphenix im Rhτnetal in Frankreich, wurde 1997 stillgelegt. Es hatte in zehn Betriebsjahren lediglich eine siebenprozentige Ausnutzung seiner Kapazität erreicht. Übrig geblieben ist nur ein russisches 600 Megawatt-Brüterkraftwerk.

Dieses klägliche Ende des mit enormen Mitteln veranstalteten internationalen Brüterwettlaufs ist letztlich der technischen Komplexität und den sicherheitstechnischen Mängeln zuzuschreiben. Diese Eigenschaften führten einerseits zu enormen Kosten, andererseits zu katastrophalen Betriebsergebnissen infolge andauernder Pannen. Vier Jahrzehnte Entwicklung in allen großen Industrienationen haben das Brüterkonzept ad absurdum geführt. Doch die Atomgemeinde streut, "die Wiederkehr des Brüters" gelte als ausgemacht. Die Atomwirtschaft benötigt diese Botschaft, weil es ohne Brüter mangels Uran keine energiewirtschaftlich und klimapolitisch relevante Renaissance der Atomenergie geben kann. Ohne diese Vision aber wäre die Öffentlichkeit nicht wieder für den Bau von Atomkraftwerken zu gewinnen. Sollte die Atomenergie in Zukunft einen energie- und klimapolitisch nicht nur marginalen Beitrag leisten, so müssten bald weit über tausend neue Atomkraftwerke, auch in Entwicklungsländern, gebaut werden – sicherheitspolitisch ein Albtraum. Es gehört aber zum Repertoire der Atomgemeinde, das Sicherheitsrisiko herunterzuspielen. Das geschieht nicht zuletzt mit Hinweisen auf wundersame Eigenschaften zukünftiger Reaktoren –- so verkündete Sprachrohr von Randow, beim Hochtemperaturreaktor sei eine "Kernschmelze ausgeschlossen". Bei jedem Reaktor, gleich welcher Bauart, sind aber Unfallverläufe möglich, bei denen in katastrophaler Weise Radioaktivität freigesetzt wird. Das bestreiten auch seriöse, sachkundige Atombefürworter nicht. Tschernobyl hat das Ausmaß der damit verbundenen Folgen vor Augen geführt. Noch in 1000 Kilometer Entfernung sterben Menschen an den Spätfolgen der freigesetzten Radioaktivität. Doch von Randow nennt – frei nach IAEA – 45 Todesopfer und zudem 2000 Fälle von Schilddrüsenkrebs, die durch Vergabe von Jodtabletten hätten vermieden werden können. Das ist ein zynisches Spiel damit, dass Krebs als Spätfolge im Einzelfall auch andere Ursachen haben kann.

Es geht aber nicht nur um mögliche unbeabsichtigt eintretende Reaktorkatastrophen, es geht auch um die mögliche Zerstörung von AKWs durch terroristische Aktionen oder kriegerischen Beschuss. Es geht um die weltweit ungelöste und nicht wirklich mögliche sichere Lagerung des Atommülls. Es geht weiter darum, dass die so genannte friedliche Nutzung der Atomenergie stets eine für militärische Zwecke nutzbare Infrastruktur schafft. Diese Infrastruktur war die Basis für die Herstellung der Atomwaffen Indiens und Pakistans. Derzeit werden Nordkorea und der Iran verdächtigt, sich auf dieser Basis Atomwaffen zu beschaffen. Wegen all dieser enormen Risiken ist und bleibt die Nutzung der Atomenergie nicht zu verantworten.

Klaus Traube Prof. Klaus Traube, geboren 1928, studierte Maschinenbau und machte Karriere in der Industrie. Als Manager von Interatom gehörte er zu denen, die den Schnellen Brüter von Kalkar entwickelten. Er wandelte sich vom Atombefürworter zum Kritiker und lehrte an der Uni Bremen bis 1997 Energiewirtschaft. 2000 erhielt er den Nuclear-Free Future Lifetime Achievement Award im Roten Rathaus Berlin.



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