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Plädoyer für ein Weiterlaufenlassen der Kernkraft? Was lehrt uns die Deutsche Physikalische Gesellschaft über Rationalität?
Von Klaus Traube,
2000 Nuclear-Free Future
Lifetime Achievement Preisträger
Essay aus Solarzeitalter 2 / 2006
Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) legte im September 2005 eine Studie "Klimaschutz und Energieversorgung in Deutschland 1990 – 2020" vor. Deren Zusammenfassung berichtet, das vorgesehene "Abschalten der Kernkraftwerke und Ersatz durch modernste fossile Kraftwerke mit Gasanteil 40%" ergäbe im Jahr 2020 eine Erhöhung der jährlichen CO2-Emissionen um 112 Millionen Tonnen CO2 [S.III, Zif.5]. "Sollten die Kernkraftwerke gestoppt werden, wäre das Ergebnis von 30 Jahren Klimaschutz nicht mehr als ein Absenken um 26% gegenüber dem Ausgangswert von 1990" [S.III, Zif.6]. Unter der Überschrift "Plädoyer für das Weiterlaufenlassen der Kernkraft" wird das Urteil gefällt: "Das Abschalten laut Plan würde alle bisherigen Anstrengungen zur CO2-Verminderung sinnlos erscheinen lassen." [S. IV]
Diese kernige Botschaft der Studie bedeute nun nicht – erläutern die Autoren – "etwa für oder gegen sie", die Kernenergie, "Stellung zu beziehen". Denn "die Option des Baus neuer Kernkraftwerke soll hier nicht diskutiert werden".[S. 67]. Diese Diskussion wäre freilich – dürfen wir anmerken – auch belanglos für das Ergebnis der auf den Zeithorizont 2020 begrenzten Studie, weil in Deutschland kein potenzieller Akteur ein neues Kernkraftwerk plant oder gar bis 2020 in Betrieb nehmen will.
Ob das "Plädoyer für das Weiterlaufenlassen der Kernkraft", wie die Autoren beteuern, nicht voreingenommen, sondern neutral gegenüber der Kernenergie erarbeitet wurde, das erweist sich an der Behandlung des Sicherheitsproblems.
Zur Reaktorsicherheit
Der Grund für die politische Entscheidung zur planmäßigen Stilllegung der Kernkraftwerke ist das mit ihrem Betrieb einhergehenden Sicherheitsrisiko. Die Studie konstatiert korrekt, die Bundesregierung verfolge den Ausstieg aus der Kernenergie "wegen der technischen Risiken, der ungesicherten Entsorgung und der Proliferationsgefahr" [S.65] und kündigt an, diese Gründe "auf ihre Relevanz für eine Entscheidung über die Zulassung längerer Betriebszeiten" zu überprüfen Der Überprüfung der drei genannten Gründe widmet die hundert Seiten umfassende Studie nur rund eine (!) Seite [S. 66-67].
Die Überprüfung der Reaktorsicherheit erfordert 14 Zeilen Text. Sie enthalten neben dem notorischen Axiom vom "besonders hohen Sicherheitsniveau" deutscher Kernkraftwerke lediglich eine einzige risikotechnische Betrachtung. Die gilt der Lebensdauer der Kernkraftwerke und lautet: "Einschlägige Untersuchungen haben ergeben, dass die für die Lebensdauer maßgebliche Komponente, der Reaktordruckbehälter, bei den meisten deutschen Kernkraftwerken mindestens 50 Jahre und zum Teil weitaus länger ohne Sicherheitseinbuße betrieben werden kann": Das ist der einzige Ansatz zur Substantiierung des abschließenden Urteils: "Vom Standpunkt der Sicherheit ist gegen ein Weiterlaufenlassen nichts einzuwenden." [S. 67]
Man ist verdutzt: Ist das Chuzpe oder verstehen die Autoren tatsächlich rein gar nichts von Reaktorsicherheit? Was löste z.B. die Kernschmelze aus, die 1979 den Druckwasserreaktor in Harrisburg nach nur einem Jahr Betrieb zerstörte und sich nur durch Zufall nicht zu einer Katastrophe des Ausmaßes von Tschernobyl ausweitete? War sie etwa ausgelöst wurden durch Überschreitung der Lebensdauer des – erst ein Jahr lang betriebenen – Druckbehälters? Tatsächlich spielte bei dem Unfall ein "Loch" eine Hauptrolle, durch das große Mengen des im Reaktordruckbehälter enthaltenen Kühlwassers entwichen,. Das war freilich kein Loch im Druckbehälter, sondern ein unbemerkt geöffnetes Ventil.
Die Analyse zahlreicher schwerwiegender Reaktorstörfälle zeigt, dass sie in der Regel so, wie in Harrisburg, übrigens auch in Tschernobyl, durch das unerwartete Zusammentreffen von technischen Störungen und Bedienungsfehlern ausgelöst werden, die einzeln betrachtet als trivial erscheinen. Dieses Muster ergibt sich auch aus den aufwändigen Risikostudien, die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten katastrophalen Versagens von Kernreaktoren analysieren. Sie bestätigen: Jeder betriebene Reaktor ermöglicht jederzeit Unfälle, die zu Kernschmelzen mit nachfolgendem katastrophalem Freisetzen von Radioaktivität führen. Nicht diese Sentenz, sondern lediglich die Eintrittswahrscheinlichkeit ist in der Fachwelt strittig. Es ist auch nicht strittig, dass Terrorakte – darunter auch, aber nicht nur, der gezielte Absturz eines Großflugzeugs – eine Reaktorkatastrophe auslösen können, streiten kann man hier wieder nur über die Wahrscheinlichkeit.
Nicht jeder Physiker muss dieses kleine ein mal eins der Reaktorsicherheit kennen. Doch zu den neun Autoren der Studie gehören zwei Kernkraft – Fachleute, die das gewiss kennen. Ergo suggerierten die Autoren wider besseres Wissen, eine Reaktorkatastrophe könne nicht eintreten, so lange die (infolge Materialversprödung begrenzte) Lebensdauer des Druckbehälters, damit auch die des Kernkraftwerks, nicht überschritten wird – was den schon zitierten Freispruch ermöglicht: "Vom Standpunkt der Sicherheit ist gegen ein Weiterlaufenlassen nichts einzuwenden."
Dass Sicherheit garantiert sei, so lange die Lebensdauer nicht überschritten wird, das wird nicht begründet, sondern suggeriert – weil das nicht begründet werden kann. Freilich würde ein Versagen ("Platzen") des Druckbehälters infolge Materialversprödung die Katastrophe, d.h. die Freisetzung enormer Mengen an Radioaktivität, auslösen. Aber das ist eben nur eine unter vielen Möglichkeiten zur Auslösung einer solchen Katastrophe.
Der plumpe Trick, durch Hinweis auf die Lebensdauer die sachgerechte Auseinandersetzung mit dem Risiko zu umgehen, disqualifiziert die Studie. Die Autoren hätten bekennen müssen, dass Verlängerung der Betriebsdauer auch Erhöhung des Risikos katastrophalen Versagens bedeutet. Sie könnten dann argumentieren, dass die Verlängerung nur zu geringfügiger Erhöhung der Eintrittswahrscheinlichkeit führt. Eine seriöse Studie müsste sich aber der Frage stellen, ob denn eine auch nur geringfügige Erhöhung der Wahrscheinlichkeit angesichts des Ausmaßes einer Reaktorkatastrophe zu rechtfertigen sei.
Die Katastrophe in Tschernobyl hat das Ausmaß der damit verbundenen Folgen vor Augen geführt. Sie war die folgenschwerste in der Geschichte des katastrophalen Versagens technischer Systeme. Tschernobyl liegt in einer dünn besiedelten Gegend. Im Umkreis von 60 Kilometer Durchmesser wohnten 130.000 Menschen, die im Verlauf von 5 Tagen evakuiert wurden. In Umkreis von 60 Kilometern um die deutschen Reaktor-Standorte leben zwischen ½ und 2 Millionen Menschen. Könnten die im Katastrophenfall evakuiert werden?
Derartige Fragen kennt die Studie nicht. Dagegen präsentiert sie im abschließenden "Plädoyer für das Weiterlaufenlassen der Kernkraft" den definitiven Sicherheitsbeweis: "Vom Sicherheitsstandpunkt ist ihr Betrieb natürlich zu verantworten, sonst würden sie auch nicht laufen dürfen" [S. 95]. Christian Morgenstern parodierte solche Logik einst: "'Weil', so schließt er messerscharf, 'nicht sein kann, was nicht sein darf'."
Man darf von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft wohl erwarten, dass sie sich im Rahmen eines "Plädoyer für das Weiterlaufenlassen der Kernkraft" kompetent mit den sicherheitstechnischen Gründen für die Entscheidung zur Stilllegung der Kernkraftwerke auseinandersetzt. Das leistet sie nicht. Stattdessen suggeriert sie absolute Sicherheit der Kernkraftwerke mit Hilfe stereotyper Gemeinplätze und des Pseudoarguments Lebensdauer. Zudem diffamiert sie die Auseinandersetzung mit dem Risiko als irrational: "Rational spricht alles für eine Verlängerung der Laufzeiten", man dürfe aber "nicht vergessen, dass der Kampf um die ‚Atomkraft' seit den 70er Jahren jenseits aller Rationalität geführt wurde." [S.95]. Darf man angesichts des hier aufgezeigten die Frage stellen, ob die Studie das Risikoproblem denn "rational" behandelt?
Die schlichte Negierung des Risikos, somit des Arguments für das geplante Abschalten der Kernkraftwerke, entwertet das Plädoyer für das "Weiterlaufenlassen". Dennoch wollen wir nun auch die andere Seite, also das Argument gegen das Abschalten betrachten. Wie eingangs gezeigt, begründet die Studie ihr Plädoyer mit der im Fall des geplanten Abschaltens eintretenden Erhöhung der CO2-Emissionen, die "alle bisherigen Anstrengungen zur CO2-Verminderung sinnlos erscheinen lassen." Sie untermauert dieses Urteil quantitativ wie folgt:
Das CO2-Szenario
Das Abschalten der Kernkraftwerke werde gegenüber dem "Weiterlaufenlassen" die CO2-Emissionen im Jahr 2020 um 112 Mio. t erhöhen. Damit würden, so das als "Hauptergebnis" bezeichnete Saldo, "die Treibhausgas-Emissionen Deutschlands im Jahr 2020 einen Wert annehmen, der zwischen 813 und 820 Mio. t CO2-Äqu. mit weiterlaufenden Kernkraftwerken und zwischen 925 und 932 Mio. t CO2-Äqu. mit abgeschalteten Kernkraftwerken liegt" [S.91]
Dieses "Hauptergebnis" gewinnt die Studie anhand folgender Methode:
Aus dem Verlauf der CO2- (bzw. CO2-Äqu.- ) Emissionen im Zeitraum 1990 – 2005 ermittelt sie einen Durchschnittswert für deren jährliche Abnahme (0,6% CO2/a) und extrapoliert den bis 2020. Das ergibt den einer Trendfortschreibung entsprechenden Wert von 871 Mio. t CO2-Äqu. im Jahr 2020. Sie fragt zudem nach absehbaren, den Trend verändernden Faktoren in verschiedenen Sektoren des Energiesystems. So ermittelt sie folgende Abnahmen von CO2-Emissionen über den Trend hinaus im Zeitrau 2006 – 2020: Ausbau erneuerbarer Energien 8 - 15 Mio. t, Erneuerung des fossilen Kraftwerksparks 23 Mio.t, alternative Treibstoffe 20 Mio.t, insgesamt 51 - 58 Mio. t. Um diese 51 - 58 Mio. t vermindert sich beim "Weiterlaufen" der "Trendwert" 871 Mio. t auf das oben zitierte Ergebnis 813 - 820 Mio t im Jahr 2000. Bei "Abschalten" addieren sich die genannten 112 Mio t zum Ergebnis 925 - 932 Mio. t.
Die Angaben zur Änderung der CO2-Emissionen gegenüber dem Trend gewinnt die Studie anhand von Betrachtungen zur Entwicklung verschiedener Sektoren des deutschen Energiesystems bis zum Jahr 2020. Will man die präsentierten Ergebnisse beurteilen, so muss man diese sektoralen Betrachtungen analysieren.
Man darf nun nicht unbedingt erwarten, dass die DPG kompetente Beiträge zu künftigen Möglichkeiten energiewirtschaftlicher Entwicklungen liefert. Die dazu erforderliche energiewirtschaftliche und -politische Kompetenz kann man zwar auch als Physiker erwerben, dies aber nicht im Rahmen der eigentlichen physikalischen Disziplin. Auf diese Sachlage deutet im Vorwort die Passage hin: "Naturgemäß" stünden in der Studie "die physikalisch technischen Aspekte des Themas mehr im Vordergrund als etwa die volkswirtschaftlichen oder politischen".
Diese Präferenz spiegelt sich in der Verteilung der sektoralen Gewichte in der Studie. Rund zwei Drittel des Textes (ca. 65 Seiten) entfallen auf Betrachtungen zum Energieangebot, überwiegend zur Stromerzeugung. Dagegen widmet die Studie der Energienachfrage, (dem Endenergiebedarf) ganze 7 Seiten. Der Kürze halber wollen wir uns beschränken auf die uns am wesentlichsten erscheinenden Betrachtungen:
· zu den durch Abschalten der Kernkraftwerke entstehenden Emissionen und
· zu den Entwicklungen im Bereich der Energienachfrage.
Zu den infolge Abschaltens entstehenden Emissionen
"Würde man sie", die deutschen Kernkraftwerke, "heute durch moderne fossil befeuerte Kraftwerke ersetzen, deren Charakteristiken den in Kapitel 3 beschriebenen entsprechen, so würden die CO-Emissionen…um 100-120 Mio. Tonnen ansteigen." [S.65] (Gemeint: um jährlich 100-120 Mio. t). Die hier relevanten Charakteristiken sind die in Kap 3 angegebenen spezifischen (je KWh Stromerzeugung emittierten) CO2-Emissionen. Dort finden sich auch die Annahmen zu den Anteilen der Kraftwerkstypen, die die Kernkraftwerke ersetzen sollen, in zwei Varianten. Die folgende Tabelle stellt diese, aus Kap.3, Tab. 2 und 3 entnommenen bzw. errechneten Daten zusammen.
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Befeuerung mit |
spez. Emissionen[gCO2/kWhe] |
Anteile an Ersatzkraftwerken [%]
Version a) b) |
| Erdgas
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328
|
16,4
|
47,6
|
| Steinkohle
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702
|
39
|
7,8
|
| Braunkohle
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870
|
42
|
42
|
| Mineralöl
|
798
|
2,6
|
2,6
|
Mittelwert spez. Emissionen [gCO2/kWhe]
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713
|
597
|
| Emissionen der Ersatzkraftwerke [Mio t CO2/a]
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120
|
100
|
Die im Jahr 2020 durch das Abschalten verursachten 120 bzw. 100 Mio t CO2-Emissionen ergeben sich aus den spez. Emissionen der Versionen a) bzw. b) bei Ersatz von jährlich rd. 168 Mrd kWh. Stromerzeugung aus Kernkraftwerken.
Um ein Urteil über die Relevanz dieses Ergebnisses zu gewinnen fragen wir: Was wird sich im Energiesystem im Verlauf des Zeitraums 2006 – 2020 bei Abschalten gegenüber dem Zustand bei Weiterlaufen der Kernkraftwerke ändern? Im Ergebnis der Studie schlägt sich lediglich der Ersatz der derzeitigen Atomstromerzeugung durch Erzeugung aus fossil befeuerten Ersatzkraftwerken nieder. Würde aber Abschalten relativ zum Weiterlaufen die energiepolitischen Anstrengungen zum Stromsparen und zur regenerativen Stromerzeugung verstärken, dann reduzierte das die infolge Abschaltens entstehenden CO2-Emissionen. Denn jede kWh, die durch verstärkte Anstrengung bei Abschalten, aber eben nicht bei Weiterlaufen eingespart oder CO2-frei erzeugt würde, müsste bei Abschalten nicht durch fossile Stromerzeugung ersetzt werden.
Ist es nicht weltfremd, zu unterstellen, dass das Abschalten gegenüber dem Zustand Weiterlaufen keinen zusätzlichen Druck (insbesondere wegen CO2) auf energiepolitisches Handeln ausübt? Wenn solcher Druck relativ zum Zustand Weiterlaufen beispielsweise zu einer Minderung des Stromverbrauchs bis zum Jahr 2020 um 3% (d.h. ab jetzt pro Jahr um nur 0,2%) führte, dann würde schon das gut 10% des wegfallenden Atomstroms ersetzen.
Auch der Ansatz für die Ersatzkraftwerke führt zu weit überhöhten Werten für die CO2- Emissionen. Zum einen werden ausschließlich große Kondensationskraftwerke betrachtet, die weit effizientere Stromerzeugung aus Kraft-Wärme-Kopplung wird gar nicht erst erwähnt. Dies, obwohl ihrem Ausbau im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung unter allen Klimaschutz-Maßnahmen das höchste CO2-Minderungspotenzial zugeschrieben wird! Zum anderen ist der Ansatz unbegreiflich, der Atomstrom werde in beiden Varianten zu 42% durch Braunkohlestrom ersetzt. Doch mit hohem Braunkohle- und geringem Gasanteil kann man dem Abschalten hohe CO2-Emissionen zuschreiben.
Tatsächlich wird kein wesentlicher Anteil an neuen Braunkohlekraftwerken spezifisch als Ersatz für Kernkraftwerke installiert werden. In den ostdeutschen Revieren ist diese Kraftwerkskapazität erst in den neunziger Jahren zu rd. 60 % neu gebaut und zu rd. 40% gründlich modernisiert worden. Diese Kraftwerke dürften im betrachteten Zeitraum im Wesentlichen unabhängig von Abschalten oder Weiterlaufen betrieben werden. Im westdeutschen (rheinischen) Revier ist der Kraftwerkspark dagegen (bis auf BoA 1) stark überaltert. Gesetzliche Regelungen für den Emissionshandel üben nun starken ökonomischen Druck auf Ersatz der meisten dieser alten Braunkohlekraftwerke im Zeitraum 2010 – 2012 aus, so dass neue Braunkohlekraftwerke wiederum unabhängig von der Zukunft der Kernenergie entstehen werden. Es gibt daher im ostdeutschen wie im westdeutschen Revier nur wenig Spielraum für zusätzlichen, spezifisch für den Fall des Abschaltens vorzusehenden Zubau von Braunkohlekraftwerken.
Der Ansatz, 42% des spezifisch als Ersatz für abgeschaltete Kernkraftwerke erzeugten (daher bei Weiterlaufen wegfallenden) Stroms sei Braunkohlestrom ist maßlos übertrieben. Er wirkt mit an der Konstruktion der Werte 100 – 120 Mio. t für die durch Abschalten verursachten CO2-Emissionen, Im Verein mit der vermiedenen Thematisierung des KWK-Ausbaus und des Einflusses des Abschaltens auf Stromverbrauch und regenerative Stromerzeugung führt der Braunkohleansatz dazu, dass diese Werte viel zu hoch ausfallen, Das schlichte Modell, mit dem diese Werte ermittelt wurden, ist entweder dilettantisch, oder zielstrebig tendenziös eingeführt worden.
Zur Energienachfrage
Wie schon gezeigt, gibt die Studie drei Bereiche an, in denen die Klimagasemissionen während des Zeitraums 2006 2020 stärker abnehmen als dem Trend des Zeitraums 1990 – 2005 entspricht: Ausbau erneuerbaren Energien, Erneuerung des fossilen Kraftwerksparks und alternative Treibstoffe. Die besonderen Entwicklungen in diesen Bereichen sind freilich offensichtlich. Abgesehen von diesen Bereichen schreibt die Studie den Trend der letzten 15 Jahre für die kommenden 15 Jahre fort, so auch für die Energienachfrage, die den Endenergiebedarf hervorruft.
Die Behandlung des Endenergiebedarfs ist denkbar kursorisch, was schon der geringe Aufwand (7 Seiten) für die Darstellung offenbart. Für einige Technologien (Licht, Kommunikation, Standby-Verluste, elektrische Antriebe) werden Energiesparpotenziale beziffert, die aber gar nicht weiter verarbeitet werden. Nur der Sektor Raumwärme wird näher betrachtet, Dort wird wenigstens die Frage gestellt, ob trendverändernde Faktoren erkennbar seien, was kurzerhand verneint wird. Diese Frage wird dann noch einmal gestellt bei den Bemerkungen zum Einfluss der Energiepreisen auf die Energienachfrage. Unter Hinweis auf die aktuellen, weit über dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre liegenden Marktpreise für Primärenergieträger wird konstatiert: sollten die Preise dauerhaft höher liegen, so müsse man dafür "einen trendverändernden Faktor einsetzen". Aber: "Da wir die Preisentwicklung nicht vorauszusehen vermögen…, tun wir es nicht". [S. 18]
Das war's. Von einer halbwegs systematischen Analyse der Energienachfrage und ihrer möglichen Entwicklung kann keine Rede sein. Die Zusammenfassung der Ergebnisse widmet der Nachfrageseite noch einen letzten, halben Satz: "Nach einer Diskussion der Einsparmöglichkeiten (Kapitel 2) auf der Verbrauchsseite, die zwar prinzipiell hoch sind, aber keine über den bisherigen Trend hinausgehenden Einsparungen erwarten lassen, wurde in den Kapiteln 3 bis 10 die Bereitstellung von Endenergie behandelt." Der seit 1990 etablierte Trend der Entwicklung des Endenergieverbrauchs wird kurzerhand bis 2020 fortgeschrieben, ohne das dies explizit konstatiert wird.
Charakteristisch ist die Aussage, mangels Voraussehbarkeit werde keine Trendveränderung angesetzt. Das hat für das Ergebnis der Studie die gleiche Konsequenz wie die Aussage, die Energiepreise bleiben in den nächsten 15 Jahren auf dem Niveau der vergangenen 15 Jahre, haben daher keine andere Auswirkung auf den Energieverbrauch als bisher. Zu dieser Aussage hätte freilich schon um die Mitte 2005 kaum noch jemand gestanden. Der seriöse Ansatz wäre gewesen, die Entwicklung der Energiepreise durch Ansatz von Varianten in einer plausiblen Bandbreite einzugrenzen. In dem dieses übliche Mittel nicht angewendet wird, tut man mal wieder etwas zur Stützung des Plädoyers für das Weiterlaufen.
Nun legt ja nicht nur die Preisentwicklung nahe, dass der sich der Trend zum Energiesparen verstärkt. In jüngster Zeit und naher Zukunft kommen eine Reihe bedeutender neuer Energiespar-Instrumente hinzu: die EU- KWK-Richtlinie und das KWK-Gesetz, der Emissionshandel, die EU- Gebäuderichtlinie, die eine Novellierung der Energie-Einspar-Verordnung und die damit obligatorische Einführung des Gebäude-Energiepasses erzwingt, die neue Energiedienstleistungs-Richtlinie der EU, die auf eine jährliche Einsparung von 1% Endenergie abzielt.
Insgesamt steht in der EU wie in Deutschland das über lange Zeit nur noch wenig beachtete Thema Energieeffizienz wieder im energiepolitischen Vordergrund. Natürlich wirkt in Deutschland dabei auch der geplante Atomausstieg mit, was die DPG- Studie geflissentlich übersieht. Dagegen konnte die im September 2005 vorgelegt Studie noch nicht einkalkulieren, was die zwei Monate später geschlossene Koalitionsvereinbarung vorgibt. Zum einen setzt sie ein neues, ambitioniertes Ziel, die Verdoppelung der Energieproduktivität bis 2020 gegenüber 1990. Um das zu erreichen, müsste diese Produktivität ab jetzt um jährlich 3% steigen, seit 1990 wurde dagegen nur ein durchschnittlicher Anstieg um 1,5%/a erreicht. Zum anderen wird das Fördervolumen für das CO2- Gebäudesanierungsprogramm von jährlich 0,36 Mrd. € auf 1,5 Mrd € erhöht, was sehr substanziell zur Erhöhung der Energieproduktivität beitragen sollte.
Angesichts all dieser in letzter Zeit zugunsten der Energieeffizienz veränderten Rahmenbedingungen ist die Unterstellung, der magere Energiespartrendtrend der Periode ab 1990 (in der Studie noch dazu bereinigt um den Effekt des Zusammenbruchs der ostdeutschen Industrie) werde sich ungebrochen fortsetzen, schlicht unglaubwürdig. Hätten die Autoren der Studie sich redlich bemüht, so hätten sie mindestens diese "pessimistische" Trendfortschreibung durch eine optimistischere Entwicklungsvariante ergänzt. Doch die vorgelegte Analyse zeigt, dass und wie die Autoren sich zielstrebig bemühten, ihr "Plädoyer für das Weiterlaufenlassen der Kernkraft" facettenreich zu untermauern.
–Klaus Traube, Juni 2006
Prof. Dr.-Ing. Klaus Traube, geboren 1928, studierte Maschinenbau und machte
Karriere in der Industrie. Als Manager von Interatom gehörte er zu
denen, die den Schnellen Brüter von Kalkar entwickelten. Er wandelte
sich vom Atombefürworter zum Kritiker und lehrte an der Uni Bremen bis
1997 Energiewirtschaft. 2000 erhielt er den Nuclear-Free Future Lifetime Achievement Award im Roten Rathaus Berlin.
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