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Stattdessen wurde alles noch schlimmer
von Petra Kolonko,
Rohfassung des Artikels, der am 17. April 2007 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist
PEKING, 17 April 2007–Als Sun Xiaodi im vergangenen Jahr für seinen Kampf gegen nukleare Verschmutzung in der chinesischen Provinz Gansu mit einem Umweltpreis ausgezeichnet wurde, hoffte er, dass sich die Dinge nun zum besseren wenden würden, für seinen Heimatort und für ihn selbst. Er hoffte, dass nun endlich die zentralen Behörden den Zuständen in dem Uran-Bergwerk Aufmerksamkeit schenken würden und dass die lokalen Behörden die Schikanen gegen ihn und seine Familie einstellen würden. Doch stattdessen wurde alles noch schlimmer.
Man stellt ihm regelmäßig Wasser oder Strom in der Wohnung ab. Sicherheitsleute in zivil bezogen vor dem Eingang des Wohnhauses mit großen Hunden Posten. Mehrmals brachen Unbekannte in seine Wohnung ein und zerstörten Einrichtungsgegenstände. Im eiskalten Winter Nordchinas wurde ihnen die Heizung abgestellt. Niemand wagt es, seiner 24 Jahre alten Tochter Arbeit zu geben. Sein Telefon wird abgehört und manchmal ganz abgestellt. Als bei Sun Xiaodi ein Magen-Tumor festgestellt wurde, ließ man ihn nicht in eine größere Stadt zur ärztlichen Behandlung reisen." Es ist alles noch schwerer als vorher", sagt Sun Xiaodi bei einer Begegnung in Peking. Sun Xiaodi ist trotz der behördlichen Drohungen heimlich mit seiner Tochter nach Peking gefahren, um sich dort behandeln zu lassen und fürchtet jetzt, dass die Aufpasser aus dem Heimatort hinter ihm her sind, um ihn zurückzuholen oder wieder zu verhaften.
Der heute 54 Jahre alte Sun Xiaodi gehört zu jenen seltenen Aufrechten in China, die trotz Schikanen, Verhaftungen und Einschüchterungsversuche einen hartnäckigen Kampf gegen Fehlverhalten der kommunistischen Obrigkeit führen. Sun Xiaodi ist Christ, sein Glaube motiviert ihn, sich für andere zu engagieren, sagt er. Seit fast zwanzig Jahren prangert Sun Xiaodi die nukleare Verschmutzung im Kreis Gannan durch den Uran-Abbau an. Sun Xiaodi war selbst Angestellter der Uran-Mine 792, er war zunächst für den Produktionsablauf und später für das Lager verantwortlich. Gannan liegt in einem ursprünglich tibetischen Gebiet, einem"Autonomem Tibetischen Kreis" wie das in der Amtssprache heißt, der größte Teil der etwa 30.000 Einwohner sind Tibeter. Weil die Mine bis zum Jahr 1994 dem Militär gehörte, ist die Region militärisches Sperrgebiet.
Vertreter der tibetischen Bevölkerung kamen erstmals im Jahr 1988 zur Verwaltung der Uran-Mine und berichteten davon, dass ihr Vieh starb, dass Menschen krank wurden, dass es zu Missbildungen bei Neugeborenen Tieren und Menschen kam. Es gab mehr Fälle von Leukämie und Krebs. Die Tibeter in Gannan sind sehr arm, berichtet Sun, wenn ihnen eine Kuh stirbt, so ist dies ein großer Verlust für sie. Für ärztliche Behandlung haben sie kein Geld. Doch die Betreiber des Bergwerkes verweigerten Entschädigungsleistungen und einige der Tibeter, die sich beschwerten, wurden in Umerziehungslager geschickt.
Sun Xiaodi nahm sich der Sache an. Es war offensichtlich, dass beim Abbau gegen Vorsichtsmaßnahmen und Sicherheitsregeln verstoßen wurde. Das kontaminierte Wasser aus der Mine wurde die vorgeschriebene Aufbereitung direkt in den Bailong-Fluß geleitet. Uranerz wurde auf offenen Lastwagen transportiert, sodaß das radioaktive Material in die Umwelt kam. Arbeiter wurden durch das beim Abbau auftretende Radon-Gas vergiftet. Kontaminierte Materialien aus der Mine wie etwa Werkzeuge und Leitungen wurde an ahnungslose Abnehmer in der Umgebung verkauft.
Sun Xiaodi sprach bei der Minen-Leitung vor. Die hörten nicht nur auf ihn, behielt seinen Lohn ein und er wurde mehrfach von ihm unbekannte Personen verprügelt. Darauf ging Sun zum Umweltbüro des Kreises, auch die wagten es nicht, die Sache gegen das mächtige Militär und die mit ihm kooperierenden örtlichen Behörden aufzubringen." Ich fragte, warum werden die Bestimmungen nicht eingehalten? Wo ist all das Geld hingegangen, das für Umweltschutz und Arbeitssicherheit vorgesehen ist?" Als er schließlich die Sache bis zur Provinzregierung brachte, wurde er von der Mine entlassen.
Im Jahr 1989 reiste Sun Xiaodi das erste Mal nach Peking um in Form einer Petition an die Behörden der Zentralregierung auf die Sache aufmerksam zu machen. In den Jahren von 1989 bis 2005 brachte Sun Xiaodi neunmal Petitionen nach Peking. Da man in seinem Heimatort merkte, dass der Mann nicht mundtot zu machen war, verstärkt man den Druck auf seine Familie. Seine Tochter wurde in der Schule schikaniert. Die Verwandten mussten den Kontakt zu ihnen abbrechen. Alle wurden angewiesen, der Familie, die seit Jahren von 700 Yuan (etwa 70 Euro) Gehalt der Ehefrau lebt, kein Geld mehr zu leihen. Um das Schulgeld für seine Tochter bezahlen zu können, verkaufte Sun Xiaodi sein Blut an die kommerziellen Blutsammler, die in der Region unterwegs waren und nahm dafür ihn Kauf, dass seine Gesundheit immer schlechter wurde.
Im Jahr 1994 zog sich offiziell das Militär aus dem Betrieb der Uran-Mine zurück, im Jahr 2002 wurde sie offiziell geschlossen. Jetzt gehört sie einer Aktiengesellschaft. Mittlerweile hatte sich auch die Pekinger Regierungspolitik geändert. Die neue Parteiführung schrieb sich Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung auf die Fahnen. Doch tatsächlich bleibt es oft bei schönen Erklärungen, da die örtlichen Behörden kein Interesse haben, Umweltschutzauflagen durchzusetzen, wenn es ihren wirtschaftlichen Interessen widerspricht. In Chinas Einparteien-System gibt es keine unabhängige Instanz, die der Zusammenarbeit von lokalen Parteifunktionären und lokalen Umweltverschmutzern, seien es Industriebetriebe oder Bergwerke Einhalt gebieten kann.
Auch Sun Xiaodi hatte trotz der neuen Politik mit seinen Petitionen keinen Erfolg. Als er im Jahr 2005 wieder einmal zur Bittstellung in Peking war, wurde er festgenommen. Der Vorwurf lautete "Gefährdung der Staatsicherheit". Doch das wahre "Verbrechen" war wohl, dass er kurz zuvor mit ausländischen Journalisten gesprochen hatte. Dann wurde am 4. Juni 2005 eine offizielle Anklage wegen "Verrats von Staatsgeheimnissen" erhoben. Im Gefängnis wurde er gequält und geschlagen. "Wir sind das Recht", sagten ihm die Offiziere der Staatssicherheit, als er sich auf das in der Verfassung verbriefte Recht auf Petitionen und das Recht der Bürgers zur Anklage von regierungsamtlichen Fehlverhalten und Korruption berief.
Weil sein Gesundheitszustand kritisch wurde, wurde er entlassen, blieb aber bis März dieses Jahres unter Hausarrest. Als man ihm in den Vereinigten Staaten den" Nuclear-Free Future Award" zusprach, durfte er zur Preisverleihung nicht ausreisen. Wiederholt schlugen ihm die Sicherheitsorgane einen Handel vor. Wenn er einwilligte, seine Kampagnen aufzugeben, würde seine Tochter Arbeit bekommen, man werde für ihn eine Wohnung und ein Auskommen finden. Sun Xiaodi ging nicht darauf ein.
Jetzt will sich Sun Xiaodi in Peking behandeln lassen. Ein Arzt hat ihm gesagt, er müsse 120.000 Yuan (etwa 12.000 Euro) für eine Operation rechnen. Die Familie lebt seit Jahren von 700 Yuan (70 Euro) Monatsgehalt seiner Frau. Das Geld für seinen Umweltpreis, 10.000 US Dollar braucht er, um Schulden im Heimatort zuückzuzahlen. Er fürchtet weitere Repressalien." Ich habe vor meiner Familie versagt, aber ich muß etwas für die Menschenrechte und die Umwelt tun," sagt Sun. "Reden derzeit nicht alle davon, dass wir in einem globalens Dorf leben?"
Das schlimmste aber sei, dass trotz seiner Bemühungen die nukleare Verschmutzung nicht beendet wurden, noch immer werde das kontaminierte Wasser direkt in den Bailong-Fluß geleitet. Freunde hätten ihm das noch in diesem Winter gezeigt. Die Mine wechsle jetzt alle drei Jahre die Arbeiter aus und stelle Wanderarbeiter ein, die nicht wüssten, wie gefährlich ihre Arbeit sei.
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