Beitrag Inge Schmitz-Feuerhake zur Sitzung Phase II: Müllhalde
Meine Damen und Herren!
Die internationale Atomlobby - und dazu gehört die Mainstreamwissenschaft - ist dabei, ein gigantisches Lügengebäude aufrechtzuerhalten bezüglich der Folgen des Tschernobylunfalls, der 1986 geschah und zur Kontaminierung ganzer Völkerschaften führte. Die IAEA - eine Organisation der UNO - hat 1990 ein Internationales Tschernobyl-Projekt betrieben, unter Mitarbeit der EU-Kommission und der WHO. 500 Wissenschaftler aus der vormaligen Sowjetunion und 200 ausgewählte aus 25 westlichen Staaten sollten die gesundheitlichen Folgen und die Wirksamkeit der Schutzmassnahmen untersuchen. 1991 wurden die Ergebnisse auf einem Kongress in Wien vorgelegt, in der die IAEA zu dem Schluss kam, dass keine Gesundheitsstörungen aufgetreten sind, die auf Strahlung zurückgehen.
Das ist die offizielle und in der wissenschaftlichen Literatur vielfach unterstützte Position bis heute, obwohl es jeder besser weiß, der sich um Tschernobylkinder gekümmert hat, oder sich vor Ort informiert. Der damalige Protest weissrussischer und ukrainischer Forscher wurde ignoriert. Der inzwischen nicht mehr zu übersehende gewaltige Anstieg an Schilddrüsenkrebs in der Bevölkerung wurde als durch Radioaktivität eigentlich auch nicht erklärbar und als weissrussische Spezialität - also bedauerliche genetische Veranlagung dieser Leute - dargestellt. Wissenschaftler, die sich nicht von vornherein solchen Voraberkenntnissen gewogen zeigen, haben die Erfahrung gemacht, dass sie keine Chance haben, an diesbezügliche Forschungsgelder aus amerikanischen oder europäischen Fonds heranzukommen.
Auch deswegen ist eine andere Fragestellung von anhaltendem Interesse geblieben - weil sie sozusagen Gelegenheit von Studien vor Ort erlaubt - nämlich die Diskussion über beobachtete Krebserkrankungen in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen im Normalbetrieb. Dieses kommt in verschiedenen Industriestaaten vor und wird in den besonders drastischen Fällen auch von den Behörden gar nicht abgestritten. Allerdings wird ein Zusammenhang mit der emittierten Radioaktivität abgestritten.
Bei einigen der Anlagen gibt es nachweislich Plutonium in der Umgebung - bei den Wiederaufarbeitungsanlagen Sellafield und Dounreay in Großbritannien sowie La Hague in Frankreich, und auch bei dem deutschen Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe.
Diese lange Einleitung habe ich gemacht, um zu rechtfertigen, warum ich und andere uns jetzt immer noch nach 12 Jahren mit dem dortigen Leukämievorkommen beschäftigen.
1990/91 waren schlagartig einige Leukämiefälle bei Kindern in der Samtgemeinde Elbmarsch, direkt gegenüber dem Kernkraftwerk Krümmel auf der südlichen Elbseite, aufgetreten. Erwartet hätte man statistisch nur einen Fall in 17 Jahren. Weitere Fälle traten in den folgenden Jahren auf. Im gesamten 5 km-Umkreis handelt es sich um eine sehr auffällige zeitliche und räumliche Häufung - das auffälligste bekannte Cluster überhaupt.
Andere Verursacher als Radioaktivität konnten durch offizielle Untersuchungen ausgeschlossen werden. Kompliziert wird die Betrachtung möglicher Strahlenfolgen dadurch, dass neben dem Kernkraftwerk die GKSS liegt, eine frühere Kernforschungsanlage mit zwei Forschungsreaktoren. Meine früheren Universitätsmitarbeiterinnen und ich wussten 1993, dass die Bevölkerung in der Elbmarsch tatsächlich verstrahlt worden ist, und zwar dadurch, dass wir eine sog. biologische Dosimetrie an 21 Erwachsenen durchführten, darunter 7 Eltern von Leukämiekindern.
Dizentrische Chromosomen in Lymphozyten sind ein empfindlicher Indikator für Bestrahlungen und sie sind strahlenspezifisch, d.h. sie können so gut wie überhaupt nicht durch andere Agentien verursacht werden. Die Anwendung dieser Methodik haben wir übrigens den Untersuchern all der anderen genannten Cluster voraus.
Der Effekt war sehr deutlich, es ist auch später gelungen, diese Befunde in der internationalen wissenschaftlichen Literatur zu veröffentlichen (1). Im folgenden fanden wir eine ganze Reihe radioaktiver Kontaminationen in der Umgebung, die da nicht sein durften. Allerdings wurden diese Befunde nicht anerkannt, weil die behördliche Vorgehensweise folgendermaßen ist:
Die Aufsichtsbehörde, die eng mit den Betreibern zusammenarbeitet und offensichtlich Dinge übersehen hat, ist die aufklärende Instanz. Sie erfreut sich einer breiten Unterstützung von Bundes- und Landesbehörden und Fachgutachtern - z. B. Professoren von anderen Universitäten. Aufklärer wie ich gelten als voreingenommen, weil wir ja Atomkraftgegner sind. Daher müssen unsere Ergebnisse überprüft werden. Lange Zeit fand sich weit und breit niemand, der unsere Messungen bestätigt.
Die Aufsichtsbehörde hingegen darf sich auch selbst begutachten, sie hat ganze Messreihen, auf die wir uns stützten, im nachhinein als ungültig erklärt, hanebüchene angebliche Widerlegungen unserer Thesen produziert, oder oft auch nur schlicht behauptet, es stimmt nicht, was wir sagen. Sie kann sich das erfahrungsgemäß leisten. Spätestens in einer derartigen Auseinandersetzung kann ein Wissenschaftler lernen, dass umwelt- oder industriegeschädigte Bürger bei uns keine Chance haben, ihre Interessen berücksichtigt zu bekommen.
Wir haben dann trotzdem weitergemacht und soweit größere Geldmittel nötig waren, diese von der Bürgerinitiative gegen Leukämia in der Elbmarsch bekommen, wie schon für die Chromosomenstudie, und später auch von der IPPNW, also jeweils einer nicht-offiziellen Organisation. Wir hatten Anlass, nach Plutonium zu suchen, und Ende 1998 habe ich behauptet, wir hätten es in Dachbodenstaub aus der Samtgemeinde Elbmarsch festgestellt. Das gab dann große Empörung und öffentliche Schmähungen, ich konnte es aber in einem ausländischen Fachlabor nachmessen und bestätigen lassen.
Die Aufsichtsbehörde hat auch Dachstaub auf Plutonium untersuchen lassen und kam zu der Aussage, dass sich die Werte im Studiengebiet Elbmarsch und von weit entfernten Kontrollhäusern nicht unterscheiden. Wie das zustande kam, lässt sich aus ihren Ergebnissen selbst ableiten. Die auffällige Übereinstimmung der Isotopenkonzentrationen in Proben, die einerseits aus dem Studiengebiet und andererseits aus einem Kontrollgebiet stammen sollen, lässt nur den Schluss zu, dass Probenmaterial für beide aus der gleichen Charge genommen wurde (2).
Aufgefallen ist dieses einem Fachmann aus einer Gutachtergruppe ARGE PhAM, die neu auf den Plan kam. Aufgrund der Plutoniumaffäire wurden sie auf die Elbmarsch aufmerksam und stellten fest, dass das dortige Plutonium unmöglich einer normalen Hintergrundstrahlung zuzuordnen war. Sie führten im Auftrag der BI und IPPNW weitere Messungen durch. Sie fanden im Boden Mikropartikel aus Kernbrennstoff, kugelrunde Teilchen in verschiedenen Fraktionen (3).
Wir glauben inzwischen, dass bei der GKSS verheimlichte Experimente mit einem Hybridreaktor stattgefunden haben, ein bis in die 80er Jahre verfolgtes Konzept zur Verlängerung der Kernbrennstoffressourcen, bei dem das Prinzip der Kernfusion und der Kernspaltung zusammen eingesetzt werden sollten. Dabei ist vermutlich etwas hochgegangen, wir haben auch ein Datum: im September 1986. Dort gab es - unglücklicherweise im Tschernobyljahr - eine radioaktive Verseuchung auf dem Kernkraftwerksgelände. Dies wurde von der Aufsichtsbehörde als Ansammlung natürlicher Radioaktivität erklärt.
Dabei sind jedoch nachweislich Spaltprodukte ausgetreten. Die Aufsichtsbehörde bestreitet auch diese Erkenntnisse, die Mitarbeiter der ARGE PhAM- darunter zwei bislang unbescholtene Professoren aus dem Atomestablishment (allerdings i.R.) - werden als unseriös dargestellt, diverse Behördenlabore und Kernforschungszentren behaupten, die Ergebnisse seien nicht reproduzierbar.
Trotzdem sind wir insofern etwas optimistisch, weil eine internationale Fachzeitschrift die Plutoniumergebnisse zur Veröffentlichung annahm (4) und sich damit unserer Meinung nach eine gewisse Trendwende ankündigt, d.h. international erscheint ein Zusammenhang zwischen Umweltradioaktivität und konkreten und realen Erkrankungen der Bevölkerung nicht mehr so abwegig wie zuvor. Wir glauben jetzt, dass es möglich sein wird, den Ursachenzusammenhang bei Geesthacht in der wissenschaftlichen Literatur darzustellen.
- Schmitz-Feuerhake, I., Dannheim, B., Heimers, A., Oberheitmann, B., Schröder, H., Ziggel, H.: Leukemia in the proximity of a German boiling water nuclear reactor: evidence of population exposure by chromosome studies and environmental radioactivity. Environ. Health Persp. 105/Suppl.6 (1997) 1499
- Dieckmann, H., Schmitz-Feuerhake, I.: Die Kieler Hausstaubuntersuchung: versäumte Aufklärung. Strahlentelex Nr. 332-333 v. 2.11.00, S. 2-5
- Gabriel, H.W., ARGE PhAM/Weinheim und A.F.G. Stevenson, F. Gloza, Institut für Toxikologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: Radioaktive Kernbrennstoff-Kügelchen in der Elb-Geest und Elb-Marsch im Vergleich zu Kernbrennstoff-Kügelchen gefunden im Wohngebiet von Hanau-Wolfgang. Dokumentation SH/NS/ELB 3, Kiel/Weinheim 30.3.01
- Schmitz-Feuerhake, I., Mietelski, J.W., Gaca, P.: Transuranic isotopes and 90Sr in attic dust of the vicinity of two nuclear establishments in northern Germany. Health Physics 84 (2003) 599-6071
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