Nuclear-Free News


Red Crow: ein Kämpfer mit Gitarre

Claus Biegert zum Tode unseres langjährigen Unterstützers Floyd Red Crow Westerman –
Sänger, Schauspieler und indianischer Aktivist

Floyd Red Crow Westerman Er kam aus dem Studio, öffnete seinen schwarzen, mit Aufklebern gepflasterten Gitarrenkoffer und nahm daraus ein rötliches, langfasriges Stück Stoff, es sah aus wie dreckiger Filz, davon riß er etwas ab und reichte es mir mit den Worten: "Deer meat. Try it." Ich nahm das getrocknete Hirschfleisch und kaute noch daran, als wir den Radiosender WBAI verließen und er in die Tiefen der New Yorker Subway entschwand.

Das war im September 1975. Es war der Beginn unserer Freundschaft. Ich kaue noch immer an diesem zähen Stück Hirschfleisch.

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Seine Stimme ließ alle aufhorchen: etwas Johnny Cash und viel, viel Prärie. Zuerst sang er und wurde als Krieger mit Gitarre ein Wortführer der indianischen Welt, dann betrat er die Leinwand und war fortan als Hollywood-Indianer ein Idol der weißen Welt.

Floyd wurde am 17. August 1936 auf der Sisseton-Wahpeton Reservation im US-Bundesstaat South Dakota geboren und erlebte seine Kindheit auf die, für die Stämme im Mittelwesten damals typische Weise – er wurde auf Geheiß des B.I.A., der Indianerbehörde in Washington, von seinen Eltern getrennt und nach Flandreau in eine Boarding School verfrachtet. Dort versuchte man ihm Sprache und Werte der Sioux auszutreiben; später ließ Floyd keine Gelegenheit verstreichen, dem Bureau of Indian Affairs seine Kritik singend entgegen zu schleudern.

Auf der Flandreau Indian School schloß er Freundschaft mit einem Jungen vom Stamm der Chippewa aus dem Reservat Leech Lake in Minnesota. Der Junge hieß Dennis Banks und sollte 1968 zu den Gründern der Widerstandsbewegung American Indian Movement (AIM) gehören. 1969 veröffentlichte Floyd, der inzwischen das College absolviert und sich als Countrysänger in Folkclubs einen Namen gemacht hatte, sein Album "Custer Died for your Sins" (Custer starb für Eure Sünden). Die Platte schlug ein, wie zuvor das Buch mit dem gleichen Titel, mit dem sein Freund, der Schriftsteller und Historiker Vine Delorias Jr. aus dem Nachbarreservat Standing Rock, dem indianischen Widerstand literarischen Beistand leistete. Floyd begleitete von nun an die Aktionen von AIM mit seinen Songs. Und da der Widerstand einher ging mit Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln, ersetzten die traditionellen Stammesnamen bald die kolonialen Benennungen – Dakota und Anishinabe traten an die Stelle von Sioux und Chippewa. Floyd holte seinen indianischen Namen Kanghi Duta (Rote Krähe) aus der Versenkung und war fortan Floyd Red Crow Westerman. Und seine Musik wies zunehmend indianische Klangelemente auf.

In den Achtziger Jahren erhielt Floyd ein Anruf von Kevin Costner. Man suchte einen Darsteller für die Rolle eines Häuptlings in einem Western. Red Crow sprach vor – und wurde Chief Ten Bears in "Dances with Wolves" (Der mit dem Wolf tanzt) – dies war der Beginn seiner Schauspielkarriere. Man sah ihn künftig in TV-Serien und Kinofilmen, und illuster ist die Liste der Personen, die mit ihm arbeiteten: Jackson Brown, Harry Belafonte, Joni Mitchel, John Trudell, Kris Kristofferson, Buffy Sainte Marie, David Amram, Johnny Depp, Marlon Brando. Ein Film mit Brando und Depp erreichte leider nie die Öffentlichkeit. Mit Sting tourte er 1989 um die Welt, um Öffentlichkeit für den Kampf der Kayapo zu schaffen, deren Regenwald-Heimat von dem Wasserkraft-Projekt Altamira bedroht war.

Das Gleichgewicht zwischen Popularität und Politik bestimmte ständig sein Leben. Wenn er als Medienstar interviewt wurde, betonte er immer wieder: "Der, den alle von der Leinwand kennen, der bin ich nicht." Er sah sich als Aktivist, und die Achtung der Stammesältesten war ihm wichtiger als die Meinung der Studios. Hollywood war nur ein Job. Mitunter sah man ihn auch in Genf, wo in den achtziger Jahren eine Arbeitsgruppe der UNO ihre Arbeit aufgenommen hatte. Als im September 2007 dann nach 25 Jahren zäher Arbeit die "Deklaration der Rechte indigener Völker" verabschiedet wurde, war er glücklich. Zählte er doch zu den Hunderten, die mitgearbeitet hatten.

Er sagte nie ab, wenn er um Hilfe gebeten wurde. Zum Beispiel 1992 als in Salzburg das World Uranium Hearing statt fand, zögerte er keinen Moment und kam mit seiner Frau Rosie und offenen Ohren: Wir sahen ihn jeden Tag, eine Woche lang, in intensiven Gesprächen mit den indigenen Menschen aus allen Kontinenten, die gegen Uranabbau, Atombombentests und radioaktiven Müll kämpften. Seinem Song "They didn't listen" fügte er damals eine neue Strophe an: "I told them not to dig for uranium, cause if they did the children would die."

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Unzählige Male spielte ich seine Lieder im Bayerischen Rundfunk. Seine Stimme war dann die Stimme aller Indianer. Einmal saßen wir uns im Studio gegenüber, es war ein schwüler Sommertag und wir hatten uns beim Mittagessen am Weißbier gütlich getan. Für einen Moment fielen mir die Augen zu, während ich ihm zuhörte. Die Tontechnikerin merkte nichts – aber Floyd. Später, auf einem AIM-Treffen in Minneapolis, konnte er es sich nicht verkneifen, die Episode zum besten zu geben. Uns zwar so: "This is Claus from Munich, he is famous radio reporter, famous for falling asleep while you are answering his questions."

Ich erzähle die Geschichte auch, weil ich gern Floyd-Geschichten erzähle. Dann habe ich Gelegenheit, seine Stimme zu immitieren. Ich bin kein Stimmen-Immitator, ich kann nur die Stimme von Floyd; wahrscheinlich verdanke ich es dem Stück Hirschfleisch.

Einmal begann ich ihn zu immitieren, als wir durch Marina Del Rey im Norden von Los Angeles gingen. Ich sagte: "Floyd, are you aware, that I am imitating your voice?" "Ich habe nicht gemerkt" sagte er, lachte sein tiefes Lachen und spielte mit seinen Deutschkenntnissen. Für Überraschungen war er immer gut. Zum 75. Geburtstag meines Onkels kam er überraschend, wir feierten in einer Waldwirtschaft bei Weilheim, er nahm eine alte Gitarre, die an der Wand neben einer Mitsgabel trapiert war, eine Saite fehlte, er stimmte den Rest und sang "In München steht ein Hofbräuhaus".

In München steht auch das Musik-Label "Trikont-Our Voice". "Trikont-Our Voice" verlegt in Europa die Musik von Floyd. Wie es dazu kam, verdient erzählt zu werden: Ein Jahr nach unserer ersten Begegnung – bei einem Telefonat über den Atlantik – stellte ich die Frage, ob er bereit sei, "Custer died for your Sins" in Europa zu veröffentlichen. Okay, sagte Floyd, aber ich müßte mich mit Jimmy Curtis in Verbindung setzen. "Jimmy will handle everything." Jimmy Curtis hatte die Texte der Lieder geschrieben und das Album produziert. Ich rief ihn in New York an. "Great, but we have a problem", sagte Jimmy. Das Problem: Es gab kein Master Tape mehr, es war auf rätselhafte Weise verschwunden. Platten hatte Jimmy auch keine mehr. Also gab er mir folgenden Rat: Ich solle durch den Westen reisen, von Powwow zu Powwow, und vielleicht würde ich bei einem Stand, bei dem Musik angeboren würde, ein noch nicht gespieltes Album finden. "This will be the new master – I wish you luck!" Er lachte und im Lachen waren die Zweifel am Gelingen meiner Mission. Im Herbst 1977 war ich auf einem Powwow in Minneapolis und fand "Custer died for Your Sins". Später, als Floyd sein eigenes Label installierte, war das Trikont-Album aus München sein Master.

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Im Alter von 68 Jahren überstand er eine Lungentransplantation. Während er sich von der Operation erholte, begann er zu modellieren und schuf Bronzeplastiken berühmter Häuptlinge. Dann holte er noch einmal tief Luft und nahm ein Album auf – "A Tribute to Johnny Cash."

Als wir am 18. Oktober 2007 in Salzburg den 10. Nuclear-Free Future Award verliehen, war Floyd in einer Videobotschaft dabei – vom Krankenbett aus grüßte er alle und ließ uns wissen, wie wichtig ihm unsere Arbeit ist und wie sehr er die Verdienste der Preisträger schätzte.

Floyd starb am 13. Dezember. Walk in Beauty, Red Crow! And thank you for your songs, for your friendship, for your support – and for the deer meat.



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