Nuclear-Free News


Doó dá leet tso doo hó zhó dóó

Anti-Uran-Gipfel bei den Navajos

aus Window Rock Thomas Pampuch
taz Nr. 8143 vom 5.12.2006 Seite 9

"Von Salzburg nach Window Rock" hieß das Motto des viertägigen "Indigenous World Uranium Summit" (IWUS), der am Wochenende in der Hauptstadt der Navajo Nation, Window Rock, Arizona zu Ende ging. 14 Jahre nach dem legendären World Uranium Hearing in Salzburg 1992 kamen wieder Indigene aus aller Welt zusammen, um über ihre Erfahrungen im Kampf gegen das gefährlichste aller Metalle zu berichten – in 2300 Meter Höhe im größten Reservat der USA. Den Abschluss des Anti-Uran-Gipfels bildete die Verleihung des "Nuclear Free Future Awards", des weltweit wichtigsten Anti-Atom-Preises, dessen Idee in Salzburg entstanden war.

Die "Deklaration von Salzburg" hatte gefordert: "Uran und alle radioaktiven Mineralien müssen in ihrer natürlichen Umgebung bleiben". Damals war deutlich geworden, dass es vor allem indigene Voelker sind, die unter Uran-Abbau, Atomwaffentests und Atommüll leiden. Die Bilanz von Window Rock zeigt, dass selbst dort, wo - wie auf dem Navajo-Gebiet - der Uranbergbau bereits seit langem eingestellt ist und Maßnahmen gegen die Folgen ergriffen wurden, die Langzeitwirkungen noch nicht überwunden sind. Uran entfaltet seine zerstörerische Kraft schleichend und oft sehr langsam, wie der kanadische Mathematiker und Anti-Atom-Aktivist Gordon Edwards (einer der Preisträger) eindringlich darstellte. Das belegten auch die vielen Berichte aus verschiedenen Reservaten, Laendern und Kontinenten, die in Window Rock zu hören waren.

Bis heute kann man im Navajoland mit seiner fantastischen, abenteuerlichen Landschaft auf die Auswirkungen des Uranbergbaus stoßen. Über 1000 Minen hat es hier einmal gegeben. Die 250 Teilnehmer des Gipfels diskutierten ausfuerlich ueber die Tragödie, die die Navajos seit den 40er Jahren erlebt haben: Wie sie als Bergarbeiter jahrzehntelang den giftigen Staub einatmeten, wie später alle von verstrahltem Wasser tranken, auf verstrahltem Boden lebten, das verstrahlte Fleisch ihrer Tiere aßen und verstrahltes Material zum Hausbau benutzten. Die Krebsraten im Minengebiet stiegen Mitte der 70erJahre auf das Vielfache des nationalen Durchschnittes. Hunderte starben, Tausende waren durch Krankheiten, Missbildungen, Fehlgeburten etc. betroffen. Bis heute gibt es "no-go-areas". So eindeutig waren die Zahlen, dass die Regierung, die den Zusammenhang jahrzehntelang geleugnet hatte, den Bergleuten 1990 Entschädigungen zuerkannte.

Ab den 80er Jahren wurden Versuche unternommen, die Schäden zu beseitigen, die Minen zu versiegeln und den kontaminierenden Abraum zu bedecken. Doch alle Säuberungsaktionen blieben Stückwerk. Verstrahlter Sand und verseuchtes Grundwasser sind schwer unter Kontrolle zu halten. Es bleibt eine Sisyphosarbeit.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass heute - wegen der steigenden Uranpreise - Bergbauunternehmen wie Uranium Resources wieder begehrliche Blicke auf das Reservat werfen und mit neuer Technologie an die radioaktiven Erze wollen. Die Navajos jedoch haben aus ihrer Tragödie gelernt. Ihr Präsident Joe Shirley Jr. wurde auf dem Gipfel deutlich. Was man damals mit den indianischen Bergleuten und den Bewohnern des Reservates gemacht habe, lasse sich nur mit Genozid beschreiben: Bewusstes Inkaufnehmen von Krankheit und Tod, wie es bei vielen indigenen Völkern auf der Welt geschehe. Seit 2005 ist (mit dem Diné Natural Protection Act) Uranbergbau und Uranverarbeitung in jeder Form im Navajoland verboten. Die Botschaft des Gipfels von Window Rock ist leicht zu merken: Doó dá leet tso doo hó zhó dóó. Stoppt das Uranmonster und stellt die Harmonie wieder her!



Kommentar:

"Lasst das Zeug in der Erde" – so lautete im September 1992 die Konsequenz des "World Uranium Hearing" in Salzburg auf der erstmals indigene Völker aus allen Erdteilen über die verheerenden Auswirkungen von Uranabbau, Atomtests und Atommüll auf ihr Leben, ihr Land und ihre Kultur berichteten. Die taz war damals eine der wenigen Zeitungen, die über das Hearing informierte. Doch die Veranstalter, allen voran der umtriebige Münchner Journalist Claus Biegert, blieben ihrer Idee treu. Das Netzwerk von Salzburg funktionierte. Seit neun Jahren gibt es den mit mehreren 10.000 Dollar dotierten "Nuclear Free Future Award", mit dem jedes Jahr Aktivisten gegen den nuklearen Un- und Wahnsinn in den Kategorien Widerstand, Aufklärung und Lösungen ausgezeichnet werden. Nicht selten sitzen die Preisträger im Gefängnis - wie etwa der diesjährige Preisträger Sun Xiaodi, der seine Dankesrede nur mühsam aus seinem Hausarrest in China schmuggeln konnte.

14 Jahre nach Salzburg kam es nun in der Navajo-Hauptstadt Window Rock, Arizona zu einem "Indigenous World Uranium Summit" (auf dem auch die diesjährigen Awards verliehen wurden.) Hat sich die Lage gebessert? Wenn man den über 250 Teilnehmern zuhörte, konnte man einerseits verzweifeln, andererseits auch ein wenig Hoffnung schöpfen. Noch immer sind viele der indigenen Völker die ersten Opfer des nuklearen Kreislaufes. Noch immer leiden sie, die der Natur am nächsten sind, zumeist am stärksten unter den verheerenden Folgen des Atomzeitalters.

Doch auch das (Selbst-)Bewusstsein ist gewachsen. Die Navajos haben per Gesetz Uranabbau und -verarbeitung auf ihrem Land verboten. Kurz vor dem Gipfel erschien in der Los Angeles Times eine vierteilige, ausführliche Serie über die Uranminen und die Kontaminierung des Navajolandes (www. latimes.com). Ein für die amerikanische Presse in dieser Frage unerhörter Vorgang, der in Window Rock sehr gefeiert wurde. Die Indigenen brauchen die Öffentlichkeit. Und der Rest der Welt kann (auch) in dieser Frage von den indigenen Völkern nur lernen: Bannt das Monster!

--Thomas Pampuch



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