Nuclear-Free News


BOMBIGES UND STRAHLENDES

Kolumne von Claus-Peter Lieckfeld


13.07.08–Er weiß es nicht, wir wissen es nicht, was die Nachwelt vom CDU-Generalsekretär Roland Pofalla noch wissen wird. Aber vermutlich wird seine Aussage, Atomstrom sei Ökostrom zu diesen Monströsitäten gehören, die ihre Schöpfer überleben. Vielleicht rückt sie auch vor auf die vorderen Plätze im Sammelband der großen Propagandalügen des 21. Jahrhunderts. Wenn Atomstrom Öko ist, dann ist ein Fallbeil auch nur ein Schneidegerät.

Bombiges aus Rheinland Pfalz
Und so als gäbe es eine geheime Regie, produzierte der atomare Komplex fast zeitgleich zur Pofalla-Sprechblase zwei reale Dokus: Ein Untersuchungsbericht des Pentagon fördert ans Licht, dass im rheinland-pfälzischen Büchel noch immer rund 20 Atomsprengköpfe lagern, von denen jeder einzelne die 13fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe hat. Die Bewachung, so der Bericht, sei außerordentlich schlampig; das Wissen der ungeschulten Wachpersonals über Atomwaffen lückenhaft, Zäune reparaturbedürftig.

Der ehemalige US-Senator Sam Nunn fand klare Worte (SZ, 13.Juni 2008): "Fälschlicherweise haben viele Menschen angenommen, dass die nukleare Bedrohung nach dem Kalten Krieg abgenommen hat. Aber die Gefahren sind immer noch da: Es gibt Terroristen und waffenfähiges Material, es gibt Informationen im Internet über den Bau einfacher Waffen, des gibt den Verlust des staatlichen Monopols. Dazu steigt der Bedarf an Atomenergie. Da braut sich ein gewaltiger Sturm zusammen. (...) Ich halte es für eine Wunschvorstellung zu glauben, dass wir 20 Jahre weitermachen können ohne eine Katastrophe zu riskieren."

Die Oppositionsparteien (auch und besonders die FDP) fordern den Abzug der Relikte aus dem Kalten Krieg. Die Union möchte an der Option "atomarer Abschreckung" festhalten. Die SPD auch irgendwie ... oder doch nicht ... oder ... äh ... das lässt sich vor der Sommerpause eh nicht klären!

Strahlendes Salzwasser –wer strahlt mit?
Zweites Real-Szenario. Das Probe-Atommüll-Lager in Asse leckt. Wasser aus den mit Strahlungsmüll verfüllten Salzstollen wurde in tiefer gelegene Kavernen abgeleitet.( Ausführlicher, sehr erhelleder SPIEGEL-online-Bericht : http://www.castor.de/spiegel/.html)

Keine Gefahr für die Menschen, die ihre Häuser über dem gescheiterten Lager haben. Das sieht man wohl schon daran, dass sie eine geraume Weile nicht informiert wurden Umweltminister Gabriel – einer, der am Atom-Ausstieg festhalten will – war vor Ort und sagte etwas Naheliegendes... aber immerhin er sagte es: Wer von der Option Atomkraft redet, müsse zur Kenntnis nehmen, dass so etwas wie sichere Endlagerung noch immer nicht existiert.

"Ein massiver Wassereinbruch" heißt es im SPIEGEL-online-Bericht vom 28.6.2008, "freilich wäre nicht nur das Ende der Stollenanlage, es wäre ein GAU für die deutsche Atomindustrie und viele Politiker. Untertage lagern nämlich seit den Siebzigerjahren 126 000 Blechfässer mit Atomabfall. Sie enthalten schwach- und mittelaktiven Müll aus deutschen Nuklearversuchsanlagen und Kernkraftwerken – aber auch mehr als 11 Kilogramm des Supergifts Plutonium und über 100 Tonnen strahlenden Urans. Sollte die Mixtur unkontrolliert von Wasser umspült werden, ließe sich die Katastrophe kaum mehr verhindern: Die radioaktive Suppe dürfte bald auch ins Grundwasser sickern."


Lieber Herr Ex-Bundeskanzler Schmidt,

in Ihrer ZEIT-Kolumne "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt" (ZEITmagazin 46/2008) haben Sie es uns Kernenergie-Gegnern mal wieder so richtig gegeben. Whouu, das tat ordentlich weh!

Aber eigentlich war es der Schmerz der Verzweiflung, der mich bei der Lektüre anfasste. Wie sollen wir mediokren Geister verantwortlich handeln, wenn Weltengeister und Globallenker wie Sie so ... so ....also, Herr Schmidt ich verkneife mir jetzt ein wertendes Adjektiv und rekapituliere einfach nur:

Auf die ZEIT-Frage, ob nicht Tschernobyl zu Meinungsänderungen in Sachen Kernkraftwerke geführt hat oder geführt haben sollte sagten Sie: "Warum? ...Wir Deutschen sind die einzigen, die diese Konsequenzen gezogen haben. Wir wollen klüger sein als die ganze Welt. Sind wir aber nicht."

Ich frage mich, ob Sie das so nassforsch auch den Strahlenverseuchten der Katastrophenregion ins Gesicht sagen würden oder den Hinterbliebenen der Liquidatoren? So ein wenig Tod ist ... darf ich Ihnen einen Formulierungsvorschlag machen? ... "natürlicher historischer Abrieb".( Sie dürfen in einem denkbaren weiteren Interview zum Thema die Formulierung verwenden, ohne auf die Quelle hinzuweisen.)

Es wäre wahrscheinlich müßig, Sie nach leckenden Salzstöcken zu fragen, die angeblich ewig halten sollten, nach nicht ausgelöstem Sicherheitsalarm in französischen Kernkraftwerken. Nach der – alles deutet darauf hin – prinzipiell unmöglichen, sicheren Endlagerung.

Wie sagten Sie noch? "Es gibt keine Energie und nichts auf der Welt ohne Risiken, nicht einmal die Liebe" Bei aller Liebe, Herr Schmidt, es gibt unmenschliche Konstrukte. Dazu zählen Atommeiler. Unmenschlich allein schon deshalb, weil irren bekanntlich menschlich ist, und diese Technologie keine Irrtümer dulden darf. Was bekanntlich nicht gelingt. Ihr Lieblingsphilopoph, Sir Carl Popper, hat das, glaube ich, auch gesagt.

Das Interview schließt mit dem Wort "Vernunft". Ach!

C.-P. Lieckfeld

e-on enhaft weit vom Leben entfernt

Nun haben wir sie – sofern wir doch wieder Stunde um Stunde Olympia geschaut haben - zigdutzed Mal oder gar hunderfach gesehen. Ein kleines Mädchen, das lustig listig abtaucht und dabei Luftblasen blubbernd in die Kamera grinst.

e-on-Werbung.

e-on ist Olympia-Sponsor. Darum darf e-on auch zu werbefreien Tageszeiten im öffentlich rechtlichen Fernsehen werben. Für saubere Energie, in der e-ons beinharter Pro-Atom-Kurs natürlich nicht vorkommt. Jeder Pillenhersteller muss auf "Risiken und Nebenwirkungen" hinweisen, Betreiber von brandgefährlichen Anlagen nicht.

Ich stelle mir vor, die (geschätzt) siebenjährige kleine Werbetaucherin wurde in Brunsbüttel an der Unterelbe geboren. Ich stelle mir vor, die Rohrleitung im dortigen Atomkraftwerk wäre an ihrem Geburtstag, dem 14. Dezember 2001, etwas dichter als tatsächlich geschehen am Reaktordruckbehälter explodiert. Dann wäre es mit einiger Wahrscheinlichkeit zum GAU gekommen; das darf man annehmen, weil e-on ja auch den tatsächlich geschehenen Fast-GAU nicht zeitig gemeldet hatte. Den kleinen Werbestar würde es, hätte die Explosion näher am Druckbehälter stattgefunden, wahrscheinlich nicht mehr geben.

Sie finden, ich stelle mir ziemlich viel vor?

Ich finde, wir stellen uns nicht genug vor, nicht einmal das jederzeit Mögliche.



Claus-Peter Lieckfeld

Was heißt Kernschmelze
auf Koreanisch?

Manchen Meldungen ist nicht sogleich anzumerken, ob sie gut oder schlecht sind, oder vielleicht sogar beides.... irgendwie. In der Süddeutschen Zeitung fand sich kürzlich so eine Meldung, die für mein Empfinden irgendwo zwischen gut und schlecht oszillierte.

Unter der Überschrift "Atombehörde warnt vor Expertenmangel" wird von der Sorge der Internationalen Atom-Energiebehörde IAEA berichtet, Deutschland könne schon bald der Experten-Nachwuchs fehlen, um seine industriellen Atomanlagen sicher zu betreiben.

Wunderbar! – entringt es sich meiner Kehle und Seele – die intelligenten jungen Menschen dieser Tage, am Anfang ihrer Berufskarriere, sind wach genug, um ihre Zukunft nicht auf eine Technologie zu stellen, die keine Zunkunft hat. Wer intelligent ist und zugleich Mitgefühl für seinen Heimat-Planeten besitzt, wird sich nicht in eine Sackgasse hinein qualifizieren. So weit so gut.

Aber was, wenn uns bald wirklich Experten fehlen, um den Irrweg Atomenergie gesichert zu verlassen?

Was, wenn Anfang Februar 2011 ein koreanischer Absolvent eines Kernphysikstudiums, befristeter Gastarbeiter im deutschen Nuklearfach, zwischen vier und fünf Uhr morgens in einer Nacht von Sonntag auf Montag etwa Folgendes ins rote Telefon eines deutschen AKW-Kontrollzentrums brüllt: "Huang sha hu nucleari shashi Block B!" , was übersetzt heißt: Kernschmelze in Block B!

Und niemand versteht ihn.

Claus-Peter Lieckfeld



Was kann ich tun?

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