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Seine Heiligkeit
Papst Benedikt XVI.
Citta del Vaticano
München, den 10. August 2007
Euer Heiligkeit,
wie die Zeitungen aus dem Vatikan berichten, haben Sie sich gegen den Gebrauch von Kernwaffen, aber für die Nutzung der Kernenergie ausgesprochen. Eure Botschaft an die Welt lautet also: Atombomben nein, Atomstrom ja. Beides aber ist miteinander verzahnt, auch Sie können es nicht trennen!
Rund um den Erdball hat unsere nukleare Gesellschaft eine Spur des Leids hinterlassen. Wo immer der Rohstoff Uran in den letzten Jahrzehnten abgebaut wurde, ist das Land meist unbewohnbar geworden und werden seine Bewohner bis heute von Siechtum heimgesucht. Die Leidtragenden sind in der Mehrzahl indigene Völker, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass ihnen ihr Land heilig ist. In jedem Kontinent bietet sich eine nahezu identische Situation. Ich wünschte, Sie würden sich ein Bild davon machen. In jedem Fall stehen Ihnen im Archiv des Vatikan ja die Unterlagen des World Uranium Hearing, 1992 in Salzburg, zur Verfügung, dessen internationalem "Board of Listeners" auch ein Vertreter des Heiligen Stuhl angehörte.
Verkürzt läßt sich sagen: Atomenergie bedeutet Kulturzerstörung und Menschenopfer. Als Stellvertreter Gottes haben Sie beides abgesegnet.
Ungelöst ist zusätzlich die Entsorgung des Atommülls. Bis heute hat die Nuklearindustrie auf diese Frage keine Antwort gefunden. Wir haben es hier, das dürfte Ihnen bekannt sein, mit erdgeschichtlichen Zeitbegriffen zu tun. Ein Reaktor zu Zeiten des Alten Testaments würde auch für unsere Nachfahren noch lange eine Gefahr bedeuten.
Heiligkeit, mit Ihrer Befürwortung haben Sie einer verantwortungslosen und gefährlichen Energiepolitik das Wort geredet.
Da ich auf Seiten derer stehe, die für eine Welt eintreten, in der weder Atomwaffen noch Atomstrom die kommenden Generationen gefährden können, sehe ich mich gezwungen, aus Ihrer Kirche auszutreten.
Unseren nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Zukunft
wünscht
Unsere Kolumne für Mitarbeiter und Gäste
Heute (8.Mai 2007) von Wolfgang Heuss
Ich war knapp fünf, als heute vor 62 Jahren Nazideutschland bedingungslos kapitulierte. Ich war zwanzig, als ich das erstemal nach London kam und mich in Westminster vor der Statue Churchills verbeugte; dem ich es vor allen anderen verdanke, dass ich in einem freien Land und in einem Rechtsstaat aufwachsen durfte. Ich war 26, als ich nach New York kam, wo ich dann zehn Jahre lebte – im freiesten Land der Erde, wie ich mir damals voller Stolz sagte. Ich war fünfzig, als ich als Tourist nach Israel reiste, befangen, neugierig und am Ende der Reise doch beruhigt.
Wenn ich heute sehe, wie die israelische Justiz unseren Preisträger Mordechai Vanunu behandelt und wie die Vereinigten Staaten mit den Ordensschwestern umgehen, die wir 2003 ehrten, wird es wohl höchste Zeit, dass ich umdenke. Vanunu, der 'Atomspion', saß wegen Geheimnisverrat 18 Jahre im Gefängnis, elf davon in Einzelhaft. 2004 hatte er die Strafe abgesessen. Bloß: weder darf er Israel verlassen – was er liebend gerne täte – noch mit ausländischen Journalisten reden – was er trotzdem tut. Letzte Woche wurde er eben deshalb erneut verurteilt, das Strafmaß wird Mitte Mai festgelegt.
Nach seiner Haftentlassung sagte Vanunu in einem dieser verbotenen Interviews: "Ich spreche über meine Menschenrechte, und der Staat [Israel] oder die Spione [Mossad] würden schlecht aussehen, wenn sie jemanden bekämpfen, der von Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, von Menschlichkeit und Menschenrechten spricht. Daher glaube ich nicht, dass sie so dumm sind, mich zu verhaften. Aber wer weiß. Wir sind hier in Israel, und die ganze Welt weiß, dass Israel zu allem fähig ist." (CounterPunch, 18. August 2004).
Ihre Gefängnisstrafen verbüßt haben auch Carol Gilbert, Ardeth Platte, und Jackie Hudson. Die drei Dominikanerinnen waren 2002 in Colorado in ein militärisches Sperrgebiet eingedrungen und hatten mit ihrem eigenen Blut Kreuze auf die Betondeckel über den Minuteman-Atomraketen gemalt. Das Gericht wertete diesen klassischen symbolischen Widerstandsakt als Sabotage und verhängte Strafen zwischen zweieinhalb unds dreieinhalb Jahren. Nach der Urteilsverkündung sagte Schwester Carol Gilbert: "Etwas ist grundfalsch in einem System, das uns jahrelang einkerkern kann, weil wir amerikanische Massenvernichtungswaffen inspiziert, entlarvt und symbolisch entschärft haben." Jetzt sind alle drei wieder auf freiem Fuß. Bloß: Reisepässe bekommen sie nicht.
Ich weiß nicht, ob diese vier friedfertigen Atomwaffengegner – auch Vanunu ist Christ – für die Richter beten, die sich im Dienst der Atomstaatsraison zu Instrumenten knallharter Repression machen ließen. Es geht mich auch nichts an. Doch ich erlaube mir die simple säkulare Frage: Gibt es einen Rechtsstaat ohne Meinungs- und Reisefreiheit?
Unsere Jury hat die vier mit dem Nuclear-Free Future Award ausgezeichnet. Sie konnten ihre Preise allerdings nicht entgegennehmen – sie saßen im Gefängnis. Zur zehnten Verleihung der Awards am 18. Oktober in Salzburg erwarten wir viele ehemalige Preisträger. Vanunu und die Ordensschwestern werden wieder nicht dabei sein. Die Atomstaaten, deren Bürger sie sind, verweigern ihnen Pässe und Ausreisegenehmigungen. Israel und die USA bezeichnen sich als Demokratien. Vielleicht ist es an der Zeit, Begriffe wie 'Demokratie' 'Rechtsstaat' und 'Grundrechte' neu zu definieren. Sonst kenne ich mich vielleicht, wenn ich siebzig bin, gar nicht mehr aus.
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