Nuclear-Free News


Corbin Harney "Der große
alte Mann des anti-nuklearen Widerstandes"


von Renate Domnick

Als ich 1980 zum ersten Mal die Western Shoshone besuchte, sagten sie, ich müsse unbedingt mit ihrem Medizinmann, Corbin Harney sprechen. Doch das war schon damals nicht einfach, denn er war ständig unterwegs zu Veranstaltungen von Umwelt- und Anti-Atomgruppen.

Mit dem Erstarken der Proteste gegen die Atomtests kamen Menschen nicht nur aus Kalifornien oder von der Ostküste zum Atomtestgebiet in Nevada, sie kamen auch aus Japan und aus den Atomtestgebietenin Kasachstan und dem Pazifik. Offiziell wurden 536 Demonstrationen und 15 740 Verhaftungen am Testgebiet gezählt. Bei all diesen Protesten hielt Corbin Sonnenaufgangs-Zeremonien, die er mit seiner Trommel, mit Gebeten und traditionellen Liedern begleitete, um seine Zuhörer anschließend mit kurzen, aber eindrucksvollen Ansprachen zu ermutigen für den Kampf gegen Zerstörung und um den Erhalt unseres Planeten.

Corbin stammt aus einer Familie, aus der Generationen traditioneller Heiler hervorgegangen sind. Die Schule brach er ab, weil die indianischen Kinder dort ihre eigene Sprache nicht sprechen durften. Er wurde ein international anerkannter und begehrter Aktivist und Sprecher bei Anti-Atom- und Umwelt-Konferenzen. Er hat vor der UNO und an Universitäten gesprochen und ist in zahlreiche Länder rund um die Welt eingeladen worden. Doch das hat ihn seinen eigenen Leuten nicht entfremdet - er kam, wann immer er gerufen wurde, um an ihren heiligen Plätzen mit ihnen gemeinsam die traditionellen Lieder in ihrer eigenen Sprache zu singen, sei es um zu heilen, sei es um sie zu motivieren, sich gegen das Unrecht, das die US-Regierung ihnen und ihrem Land antut, zu wehren.

Seine häufigsten Worte waren "we, the people", mit denen er an das Verantwortungsgefühl jedes einzelnen appellierte, um dann zu erklären, wie wir uns verhalten sollen, was wir tun müssen, um unseren Planeten zu schützen und zu erhalten. "we only have one air, one water, one Mother Earth". Doch ebenso eindringlich kritisierte er die US-Regierung für ihr Verhalten gegenüber den Western Shoshone und der ganzen Menschheit. Das trug ihm auch den Respekt des Establishments in Nevada ein, denn über 70% der Bevölkerung dort ist gegen die atomaren Projekte, die die Regierung in Washington ihnen aufbürdet.

Nichts ist für Menschen, die in der Wüste oder Halbwüste leben, kostbarer als Wasser. Doch in Nevada wird das Wasser verseucht durch den Goldabbau der - ebenso wie die Atomtests - illegal auf dem Land der Western Shoshone stattfindet. Darüber schreibt er in seinem Buch "The Way it is - One Water, One Air, One Mother Earth", in dem er die traditionelle indianische Lebensweise und Philosophie mit dem heutigen Kampf gegen Umweltzerstörung verbindet.

Als Medizinmann hat Corbin viele Kranke geheilt, sich vor allem um die Opfer der radioaktiven Verseuchung gekümmert. In den 90er Jahren begann er mit dem Aufbau von "Poo-Ha-Bah", einem Heilungs-Zentrum in der Wüste Kaliforniens, das auch als Tagungshaus und Erholungszentrum für Aktivisten dienen soll.

Corbins größte Sorge galt den Atomtests. 1994 gründete er das Shundahai-Netzwerk (Shundahai heißt soviel wie: Friede und Harmonie mit der Schöpfung). Es bringt Anti-Atomgruppen und indianische Nationen zusammen und organisiert Demonstrationen und Konferenzen, wo immer es um nukleare Projekte wie z.B. die Lagerung von Atommüll auf indianischem Land geht.

Jerry Mander beschreibt in seinem Buch "In the Absence of the Sacred" wie der Mensch heute seine natürliche und soziale Umwelt zerstört, weil ihm nichts mehr heilig ist. Corbin zeigte seinen Zuhörern, dass der Glaube an das Heilige eine Kraft ist, die wir gegen die Zerstörung einsetzen können.

Corbin wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet - der bei uns bekannteste ist wohl der Nuclear Free Future Award, der ihm 2003 verliehen wurde.

Corbin Harney, der die Menschen mit seiner sanften und selbstironischen Art sofort für sich einnahm, starb am 10. Juli im Alter von 87 Jahren an Krebs im Kreis von Freunden und Familienangehörigen, die erzählen, dass mehrere Tage lang Adler über dem Haus kreisten.

Renate Domnick, Hamburg, Mitglied der Gesellschaft für bedrohte Völker, unterstützt seit den 70er Jahren dem Kampf der Western Shoshone um ihr Vertragsland.



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