2007 Nuclear-Free Future Aufklärung Award
Siegwart Horst Günther, Deutschland
Schon seit Jahrzehnten hatte Siegwart Horst Günther im Nahen Osten als Epidemiologe geforscht und als Arzt Patienten behandelt, als der Professor 1991 im Irak auf ungewöhnlich viele missgebildete Babys stieß, aber auch auf Krankheitsbilder, wie er sie in dieser Region noch nie gesehen hatte: Kinder, deren Immunsystem kurz vor dem völligen Zusammenbruch stand, Kinder, die an schrecklichen Hauterkrankungen litten. Günther vermutete, dass die kranken Kinder und die Eltern der missgebildeten Kinder radioaktiv verstrahlt worden waren. Strahlungsquelle waren Kriegsgüter des ersten Golfkriegs – vor allem mit Uranmunition abgeschossene Panzer, die als ungesicherte Wracks bis heute in den Vororten von Basra herumliegen.
Als Uranmunition bezeichnet man mit abgereichertem Uran gehärtete Geschosse, die ihre immense Durchschlagskraft eben dem DU (depleted uranium) verdanken. Für die Brennstäbe in Atomreaktoren muss Uran angereichert werden, wobei große Mengen abgereichertes Uran entstehen. Wie kann man ein radioaktives Abfallprodukt günstig entsorgen? Die Lösung fand ein deutscher Rüstungskonzern: Rheinmetall härtete mit DU, das fast doppelt so schwer ist wie Blei, Granaten, die dadurch eine enorme Durchschlagskraft erhielten. Für die erste groß angelegte Feldstudie ("Rheinmetall Defence agiert international" sagt die Firma stolz) zeichneten im Golfkrieg 1991 die US-Streitkräfte verantwortlich. Sie feuerten mit DU-Geschossen auf irakische Panzer; bei einem Treffer entsteht eine Temperatur von 5000 Grad, wodurch niedrigstrahlende und toxische Kleinstpartikel aus Uranoxid gebildet werden, während die Panzerbesatzung verdampft.
Über das Grundwasser gelangen die Partikel in die Nahrungskette, durch die Luft (Wüstenwind) in die Lungen. Sie sind so winzig – im Nanobereich – dass keine Membran im menschlichen Körper sie aufhalten kann. Aber sie strahlen weiter – die Halbwertszeit des Uranisotops U 238 beträgt 4½ Milliarden Jahre.
Prof. Günther ließ ein im Wüstensand aufgelesenes Projektil 1992 in Berlin spektrographisch untersuchen, was seinen Verdacht bestätigte, ihm aber auch wegen "Freisetzung ionisierender Strahlung" einen Strafbefehl über DM 3000 einbrachte. Sein lautes "j'accuse" wurde von den Medien weitgehend ignoriert, trug ihm aber eine breite Palette von Schikanen und Repressalien durch deutsche Behörden ein. Inzwischen ist der Arzt, der 1963-65 bei Albert Schweitzer in Lambarene gearbeitet und von seinem Vorbild gelernt hatte, dass die "sittliche Haltung des Einzelnen" entscheidet, selbst so krank, dass er seine vielfältigen medizinischen Hilfsaktionen beenden musste. Aber 2005 veröffentlichte er Was heißt Ehrfurcht vor dem Leben? über seine Begegnung mit Albert Schweitzer und 2006 seine Autobiographie Zwischen den Grenzen; Mein Leben als Zeitzeuge.
Für die internationalen Medien sind Uranwaffen kein Thema, für den Genpool der Menschheit eine schwere Bedrohung. Mit Horst Siegwart Günther ehrt die Jury des Nuclear-Free Future Award – nach Souad Al-Azzawi 2003 und Asaf Durakovic 2004 – zum dritten Mal einen Wissenschaftler, der die entsetzlichen Folgen von DU-Waffen vor Ort persönlich studiert hat und durch keine Drohung zum Schweigen zu bringen ist.
–Wolfgang Heuss
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