1999 Nuclear-Free Future Award

Dorothy Purley(60) und Grace Thorpe(75) repräsentieren den Anfang (Uranabbau) und das Ende (Atommüll) der nuklearen Kette; beide teilen sich den 1999 Nuclear-Free Future Resistance Award.

Scott Momaday Presents the 1999 Nuclear-Free Future Resistance Award to Grace Thorpe

Grace Thorpe's Acceptance Speech

Grace Thorpe

Alle fünfzig Staaten der USA hatten den heißen Deal abgelehnt: Gouverneure haben keinen Hang zum politischen Selbstmord; folglich wollte auch keiner für eine 1OO OOO Dollar-Zuwendung hochradioaktiven Müll bei sich zuhause verscharren lassen. Da hatten Atombehörde und Kraftwerksbetreiber eine Idee: Schieben wir es doch denen unter, die zu unwissend und arm sind, um große Geldbeträge abzulehnen - den Indianern in ihren Reservaten. Ende der Achtziger noch schien der Plan aufzugehen. Doch dann, 1991, war da plötzlich "die Frau mit der Kraft des Windes, der sich vor dem Sturm aufmacht": No Ten O Quah. So der indianische Name einer heute 75jährigen Frau, in deren Paß Grace Thorpe steht. Sie hatte 1983 in der US-Presse Profil gewonnen, als es ihr gelungen war, die unrechtmäßig aberkannte Goldmedaillie ihres Vaters, der amerikanischen Sportlegende Jim Thorpe, als vollgültig zurückzubekommen.

Der Kampf, den sie acht Jahre später begann, war anfangs weniger pressewirksam, erwies sich aber als ungleich wichtiger. Grace Thorpe hatte erfahren, daß ihr Stamm, die Sac and Fox Nation - genau wie 16 andere native American tribes - bereit war, den 1OO OOO Dollar-Köder zu schlucken. Und sie stellte erschüttert fest, daß sich ihre Leute völlig im Unklaren waren, worauf sie da im Begriff waren sich einzulassen. Grace Thorpes Kampf gewann schnell olympische Dimensionen, und ihre argumentative Kraft zerriß die mal fein, mal grob gesponnenen Maschen der Atom-Lobby. "Sollte es etwa die Aufgabe der Indianer sein, die Probleme der Nuclear-Industrie zu lösen? Wohl kaum. Indianer neigen nicht dazu, Dinge herzustellen, die sie nicht gefahrfrei wieder loswerden können."

Nachdem die Windfrau die erste Schlacht zuhause gewonnen hatte, gründete sie NECONA (National Enviromental Coalition of Native Americans), um landesweit Reservate vor der dumping lobby zu retten. Bis heute haben sich mehr als siebzig Stämme NECONA's Richtlinien angeschlossen. Obwohl gesundheitlich schwer angeschlagen, war Grace Thorpe in den Neunzigern auf unzähligen Foren, bei lokalen und landesweiten Info-Kampagnen, in Gremien und Zusammenschlüssen die Speerspitze im Kampf für Tribal Nuclear Free Zones. Eine Speerspitze mit zwei scharfen Schneiden: Zum einen eignete sie sich die wissenschaftliche Kompetenz an, den Verharmlosungsversuchen der Betreiber entgegentreten zu können. Zum anderen kann sie den Betroffenen aus dem Herzen sprechen: "Der Große Geist hat uns aufgetragen, daß wir die Verbindung zu Mutter Erde heilig halten. Und heilig ist auch unsere Verpflichtung für alle Mitgeschöpfe. Daher ist es schmerzlich und zutiefst beunruhigend, daß die Regierung der Vereinigten Staaten und die Nuclear-Industrie offenbar die Absicht hegen, auch das wenige Land, das uns verblieben ist, auf immer und ewig zu ruinieren." Im Kampf gegen dieses Schicksal ist es den Indianern Nordamerikas gelungen, ihre Isolation der letzten Jahrhunderte aufzubrechen. Grace hat entscheidenden Anteil daran, daß ihr Kampf für atomfreies Stammesland sich heute verknüpft: mit der Öko-Bewegung, mit den US-anti-nuke-Aktivisten und den diversen Initiativen für Alternativ-Energie. Das Netz beginnt zu tragen.

Simon Ortiz Presents the 1999 Nuclear-Free Future Resistance Award to Dorothy Purley

Dorothy Purley's Acceptance Speech

Dorothy Purley Dorothy Purley

Ohne Zweifel wird es einmal eine Zeit geben, in der Urantagebau als fahrlässige Tötung wenn nicht als Mord eingestuft wird. Begangen im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert - und diesmal nicht von Diktatoren und Ideologen sondern von klar kalkulierenden Unternehmern. Den Tätern droht vermutlich kein Nürnberg und kein Den Haag. Dennoch: Es soll und muß Zeugenaussagen geben - Menschen wie Dorothy Purley, deren Stimme über ihre Zeit hinaus gehört werden wird.

Die heute sechzigjährige Großmutter aus der Laguna Pueblo Reservation in New Mexico leidet seit Jahren an Hodgkinsons Lymphoma. 1993 und 1998 mußte sie sich chemotherapeutischer Behandlung unterziehen - und ließ sich doch nur kurzzeitig von ihrem Kampf gegen die Verursacher ihrer Krankheit abhalten: die Jackpile Mine im Laguna Pueblo Indianer Reservat. Von 1975 bis 1982 hatte Dorothy als Lastwagenfahrerin und in der Uranmühle des seinerzeit größten Urantagebaus gearbeitet. In Dorothys Heimatdorf, unweit der riesigen Schürfstelle, "entsorgte" man damals das radioaktive Abraumgestein als Baumaterial für Straßen und Häuser. Die Staubfahnen von Sprengungen und offen liegendem Abraum wehten Tag und Nacht über ihr Dorf. Der Regen walkte die tödliche Fracht in die Wäsche. Kinder spielten in kontaminiertem Wasser. Informationen über Strahlengefährdung gab es kaum in jenen Tagen, als es den USA um atomaren Brennstoff und Sprengköpfe ging. Nicht etwa die ersten Berichte über Krebserkrankungen im Abbaugebiet, sondern sinkende Nachfrage führten 1982 zur Schließung von Jackpile, einer gigantischen Landschaftswunde, die weitere sechs Jahre lang offen lag - sechs Jahre, in denen radioaktiver Staub über die trockene Hochebene wehte und in Flüsse und Bäche schwemmte. Seit 1995 betrachten die US-Atombehörde und die Ex-Betreiber das Gebiet als regeneriert und als sicher versiegelt unter angeschobenen Erdmassen. Für Dorothy Purley war die Angelegenheit damit allerdings nicht beerdigt. Sie kümmert sich seither um die Ansprüche verstrahlter Opfer, Ex-Minenarbeiter und Anlieger, entwickelte für die lokalen Grund- und Mittelschulen aufklärendes Unterrichtsmaterial, informierte die Stammesführer verschiedener Indianernationen über Schäden und Langzeitfolgen.

Derzeit widmet sie ihre ganze Kraft den Bemühungen, den enggefaßten Kreis derer auszuweiten, die den Radiation Exposure Compensation Act von 1990 (Gesetz zur Entschädigung Strahlengeschädigter) in Anspruch nehmen können. Sie sprach auf nationalen und internationalen Colloquien, beeindruckte die Menschen in Nagasaki und in etlichen europäischen Ländern, ist nach wie vor aktiv im Indigenous Environmental Network, hat sich autodidaktisch zu einer Expertin für "Anreicherung von Radioaktiviät in Nahrungsketten" geschult. Eine traditionell geprägte Indianerin ist auf dem Kriegspfad: gegen die fahrlässigen Töter. Und für den Frieden mit der Natur. Und bisher konnte sie nicht einmal Krebs aufhalten.




Avanyu




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