Festrede
anlässlich der Verleihung des
Nuclear-Free Future Award 2003

Hans-Peter Dürr, München
Alter Rathaussaal, 12. Oktober 2003, 11 Uhr
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Geschätzte Preisträger,
werte Festversammlung,
der Nuclear-Free Future Award ist eine an der Zukunft orientierte Auszeichnung, ein Preis, der Zukunftssichtigkeit und Zukunftsfähigkeit prämieren soll.
Was wissen wir über die Zukunft?
Ist die Zukunft nicht schon festgelegt, völlig determiniert und wir wissen nur noch nicht wie?
Geben uns nicht die Naturgesetze darüber schlüssige Auskunft?
Altwürdige Traditionen und neue Einsichten der modernen Naturwissenschaft sagen hierzu: Nein!
Die Zukunft ist im wesentlichen offen!
Die Zukunft ist nicht etwas, auf das wir geduldig warten und, wenn sie uns erreicht, einfach über uns ergehen lassen müssen. Die Zukunft ist keine mechanistische Abfolge, wie die eines Uhrwerks, sondern sie erlaubt echt kreatives Handeln. Die Zukunft ist gestaltungsfähig und wir tragen dafür Verantwortung.
Der Mensch ist Teil einer größeren Natur, einer differenzierten Wirklichkeit, eines Kosmos.
Zukunftsfähigkeit umfasst mehr, als dies in den Bezeichnungen "Nachhaltigkeit" oder "Sustainability" zum Ausdruck kommt. Zukunftsfähigkeit hat dynamische Bedeutung und betont eine ständige Veränderung und lebendige Erneuerung der Wirklichkeit, die quantitativ und qualitativ über die Erhaltung des Bestehenden hinaus geht.
Auf die Welt Albert Schweitzers bezogen:
"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will!"
bedeutet Zukunftsfähigkeit:
Lebendes lebendiger werden lassen!
Das ist das Paradigma des Lebendigen. Und wir Menschen gehören zum Reich des Lebendigen.
Es gibt in diesem Kosmos keine bestimmten Rezepte für Zukunftsfähigkeit. Es gilt nur die tautologisch klingende Regel: Zukunftsfähig ist, was Zukunft hat! Dafür gibt es praktisch unendlich viele Möglichkeiten, wie dies ja die üppige Vielzahl verschiedener erfolgreicher Lebensformen auf unserer Erde aufzeigt, im Gegensatz etwa zu der ganz winzigen Anzahl transnationaler Großkonzerne unserer Weltwirtschaft, bei deren Wechselspiel nur ganz wenige Gewinner obsiegen.
Es gibt jedoch in unserer Welt deutliche Hinweise, was nicht zukunftsfähig ist. Um langfristig bestehen zu können, müssen deshalb gewisse Tabus beachten werden. Spezies, die solche Tabus über längere Zeiten missachten, werden aus der Evolution des Lebens hinaus geworfen.
Die zentrale Aussage unserer Festversammlung ist: Eine nukleare Lebenswelt ist nicht zukunftsfähig! Zukunftsfähigkeit verlangt deshalb eine nuclear-free, atom-freie Welt.
Dies ist offensichtlich angesichts der nuklearen Massenvernichtungswaffen, die auf der Spaltung schwerer Atomkerne (Uran- und Plutoniumbomben) oder der Fusion leichter Atomkerne (insbesondere Wasserstoffbomben) beruhen und nicht nur die Menschheit, sondern auch die höher entwickelten Arten der Biosphäre mit Zerstörung bedrohen. Die sehr schweren und auch die ganz leichten Atomkerne sind gigantische Energiespeichern, die Millionen mal größer sind als chemische Energiespeicher, etwa der Sprengstoff TNT. Atomkernwaffen machen, ähnlich wie beim Sprengstoff TNT, Gebrauch von einer eigens arrangierten Kettenreaktion, bei der eine einzige Zündreaktion ausreicht, lawinenartig weitere Reaktionen gleicher Art auszulösen, und auf diese Weise zur Freisetzung gewaltiger Energien in Form einer Riesenexplosion führen.
Was hier bewusst in Form von Massenvernichtungswaffen entwickelt wird, ist heute jedoch, mit positiver Absicht aber ähnlich bedrohend, Merkmal vieler technischer Entwicklungen. Ziel ist doch vielfach, hochsensible Systeme zu entwickeln, bei denen winzig kleine Ursachen große Wirkungen auslösen. Wirtschaftlich bedeutet dies: mit kleinsten Anstrengungen hohe Profite zu erzielen. Dies führt dazu, dass alle mit großem Eifer in Lawinenfeldern herumlaufen. Das Lawinensyndrom ist geradezu zum Erfolgsrezept der Wirtschaft geworden: vielfältiger-größer-schneller! Physikalisch betrachtet entspricht 'ungehemmtes Wachstum' einer Destabilisierung, bei der vermeintliche Gewinne unvermeidlich durch entsprechende Zerstörungen an anderer Stelle überkompensiert werden. Wir sollten bei unserem Tun und Streben nicht vergessen: Technik soll primär dem Wohle des Menschen und seiner Mitwelt dienen, in der er existentiell eingebettet ist, und nicht umgekehrt, wie dies heute der Fall ist, wo der Mensch atemlos einer beschleunigten und sich immer weiter verselbstständigten Technik hinterher hechelt, die für ein erfülltes Leben unnötig und kontraproduktiv ist. Diese Entwicklungen gleichen mehr einem Krebsgeschwür, das auf Kosten einer höheren Differenzierung des Gesamtorganismus sich durch ein maximales Wachstum, im Sinne einer Vermehrung des Gleichen, rücksichtslos durchsetzt. Alle diese Entwicklungen, welche, im großen Zusammenhang gesehen, eine Zerstörung bewirken und eine Entfaltung der Lebendigkeit in ihrer Vielfalt behindern, sind nicht zukunftsfähig.
Atomkraftwerke zielen auf eine friedlich Nutzung der Atomkernenergie, die eine im Vergleich zu den chemischen Energien der fossilen Brennstoffe gigantische Energiequelle darstellen. Nicht nur wegen ihrer Nähe zur militärischen Nutzung, sondern auch ihrer hoch-riskanten Zähmung mit der ständigen Gefahr, im Störfalle Mensch und Biosphäre empfindlich zu schädigen, erweist sie sich für eine langfristige Energieversorgung als nicht verantwortbar und nicht zukunftsfähig.
Dies ist vielleicht nicht so einfach einzusehen. Denn jede Wertschöpfung erfordert notwendig (arbeitsfähige) Energie. Unbelebte Materie, sich selbst überlassen, strebt unumkehrbar der Unordnung zu, denn in Zukunft passiert das Wahrscheinlichere einfach wahrscheinlicher. So ist ein aufgeräumter Schreibtisch, statistisch betrachtet, ein ganz unwahrscheinlicher Zustand, der, evident in unserer täglichen Erfahrung, dem wahrscheinlicheren Zustand der Unordnung zustrebt. Die Umkehr zu größeren Ordnung, gelingt nur durch bewusste Eingriffe von Außen, durch eine "ordnende Hand", einen Eintrag von (geordneter) Energie verbunden mit einer "unterscheidenden Intelligenz", die, um wirksam zu sein, Zeit braucht und erlernt werden muss.
Belebte, organismische Systeme streben im Gegensatz zu diesem dominanten Trend nach vermehrter Unordnung umgekehrt zu höherer, differenzierterer Ordnung. Hier gilt also, dass in Zukunft das Unwahrscheinlichere nicht unwahrscheinlich ist. Dies kann nur geschehen, wenn ständig Energie zugeführt, wenn diese Systeme "gefüttert" werden. In der Natur ist es die Sonnenstrahlung, welche die dazu nötige Energie (Synergie) liefert. Die "unterscheidende Intelligenz", eine, in einem langen stammesgeschichtlichen und individuellen Lernprozess erworbene "Information", wird von den Organismen bereit gestellt.
Technische Wertschöpfung wird vorwiegend nun nicht durch die ständig einströmende Sonnenenergie gespeist, sondern macht sich die fossilen Brennstoffe zunutze. Dies sind Speicher von über Millionen von Jahrhunderten angesammelter Sonnenenergie, die nun von einer Minderheit der Menschheit in ein, zwei Jahrhunderten geplündert werden. Eine solche Bankräubergesellschaft ist nicht zukunftsfähig, da diese Ressourcen der Erde beschränkt sind und sich nur ganz langsam wieder erneuern. Es ist deshalb die rapide Verknappung der fossilen Brennstoffe, von Kohle, Erdöl und Erdgas, welche dringend die Erschließung neuer Energiequellen erfordern, um eine Technik im jetzigen Stil weiter treiben zu können. Und es ist nicht erstaunlich, dass die Kernenergie dafür als der aussichtsreichste Kandidat erschien, trotz der ungeheuren Gefahren, welche durch Kernreaktoren heraufbeschworen werden. Diese Anlagen sind extrem fehler-unfreundlich. Ihre Stabilisierung verlangt feinste und hoch-raffinierte Steuerung. Kleinste Störungen können zu gigantischen, nicht mehr tolerablen Schäden führen.
Der kreative Mensch, wie alles aufsprießende Leben, verlangt jedoch ein fehler-freundliches Umfeld, um seine Kreativität spielerisch entfalten zu können und zukunftsfähig zu bleiben. Deshalb ist die Kernenergienutzung mit dem kreativen Menschen nicht verträglich. Der nicht-kreative Mensch ist jedoch nicht zukunftswürdig. Er bliebe auch in seiner beschränkten Funktion einem Computer und Roboter immer unterlegen und würde von ihm hoffnungslos verdrängt. Bei einer großen Anfrage im Bundestag 1975 zur zukünftigen Nutzung der Kernenergie wurde mit Unterstützung der Präsidenten der Großforschungsinstitute, der Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgesellschaft, allen kritischen Überlegungen zum Trotz, positiv für die Kernenergie als einen wesentlichen Nachfolger für die fossilen Brennstoffe entschieden, da man sich bezüglich einer langfristigen Energieversorgung gewissermaßen mit dem Rücken zur Wand fühlte.
Der Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken war jedoch stark. Die Opponenten sahen deutlicher die grundsätzliche Problematik der Kernenergienutzung und ihre negativen langfristigen Folgen. Sie verglichen die Energiesituation mit der Lage eines Alkoholiker, der glaubt, eine Einheirat in eine Schnapsfabrik könnte sein Problem lösen. Wie in seinem Falle zweifellos eine Entziehungskur, so würde eine "Sanfte und effizientere Energienutzung" eine weit angemessenere Lösung sein. Eine Einschränkung oder gar Drosselung des Energieverbrauchs schien auch aus einem ganz anderen Grunde dringend geboten. Denn die Nicht-Zukunftsfähigkeit von nicht-erneuerbaren Brennstoffen liegt ja nicht nur in ihrer Endlichkeit und der daraus resultierenden Verknappung, sondern auch in den nicht geschlossenen Prozess-Zyklen. Das sind nicht nur die Erzeugung von bedrohlichen Abfallstoffen, sondern, heute noch wenig beachtet, die Störung des Biosystem durch aufgrund eines steigenden Gesamtenergieumsatzes, verstärkten Eingriffes des Menschen in das gewachsene Naturgeschehen. Hierbei ist die Beobachtung wichtig, dass das Biosystem als ein statisch instabiles und nur dynamisch stabilisiertes System betrachtet werden muss. Es gleicht also mehr einem Kartenhaus, auf deren Spitze wir immer ausgelassener herumtoben, ohne zu ahnen, dass es dadurch in sich zusammenfallen könnte. Dies passiert jedoch nicht ganz so leicht, weil eine Unzahl von Kraft-Gegenkraft-Paaren die Ungleichgewichte abzufedern versuchen. Es ist ein winziger Teil, weniger als ein halbes Promille der Sonnenstrahlung, das diese Stabilisierungsarbeit leistet. Doch - und das ist das Erschreckende - die Enrgieumsätze des Menschen, welche dieses Gleichgewicht stören, haben bereits schon 25% dieser Stabilisierungsenergie erreicht. Sie entsprechen der Einwirkung von 130 Milliarden Energiesklaven, wobei vier Energiesklaven die physische Arbeit eines Pferdes (PS) zwölf Stunden am Tag ohne Pausen leisten. Die entscheidende Frage ist also nicht: "Wieviel Mensch erträgt das Biosystem der Erde?", sondern: "Wie viele Energiesklaven?". Und die Antwort liegt bei etwa 90 Milliarden Energiesklaven. Die Forderung heißt deshalb: Geburtenkontrolle von Energiesklaven! Im Durchschnitt nicht mehr als 15 Energiesklaven pro Person (bei heute 6 Milliarden Menschen)! Wenn wir dann feststellen, dass ein US-Amerikaner: 110, ein Europäer: 60, ein Chinesen: 8 und ein Bangladeschi weniger als 1 Energiesklave heute für sich beschäftigt, wird deutlich, wo die "Pille" verteilt werden müsste. Die Anforderung verlangt trotz alledem kein steinzeit-artiges Leben oder dass wir künftig alle in "Schutt und Asche" vegetieren müssten, sondern ermöglicht, bei heutiger Technik, für alle wenigstens den Lebensstandard eines Schweizers von 1969. Auch wird klar, dass die notwendige Energie ohne Schwierigkeiten durch die Sonnenenergie gedeckt werden könnte. Wir stehen also keineswegs mit dem Rücken zur Wand. Anderenfalls würde eine Bereitstellung eines US-Energiestandards in etwa 20 Jahren für alle die dann wohl 8,4 Milliarden Menschen bedeuten, dass 9 weitere Erden aus dem Keller geholt werden müssten, die schlicht nicht zur Verfügung stehen.
Wie soll das alles gelingen?
Lassen Sie mich abschließend hierzu noch einige optimistische Anmerkungen machen, die sich aus unserem neuen Menschen- und Naturbild ergeben. Der Kosmos ist prozesshaft, nicht ontisch , nicht objekthaft, sondern gewissermaßen nur ein "Dazwischen", reine Verbundenheit. Die Frage ist nicht: "Was existiert?", sondern: "Was passiert?". Materie ist nicht aus Materie aufgebaut Sie ist mehr dem Geistigen und Lebendigen vergleichbar, in dem Belebtes und Unbelebtes als verschiedene Erscheinungsformen wurzeln. Realität ist nur der erstarrte, geronnene Aspekt einer lebendigen, unauftrennbaren Wirklichkeit.
Wir sind nicht voneinander getrennt. Jeder ahnt den anderen. Die Evolution des Lebendigen ist ein Gewinn-Gewinn-Spiel, das von dieser Ahnung genährt wird und sich im liebenden Dialog zeigt und erprobt. Im liebenden Dialog belehren wir uns nicht gegenseitig, sondern versuchen, uns wechselseitig daran zu erinnern, was wir eigentlich schon wissen. Dies gibt Anlass zum Optimismus. Wir sind im Grunde nicht die aggressiven Egoisten, die alle und alles um sich herum als Feinde betrachten, die es zu besiegen gilt. Wir wissen um unsere Gemeinsamkeit, die weniger mühsame Überzeugung sondern mehr der geduldigen Erinnerung benötigen. Der Dialog wirkt als Katalysator. Das Zusammenleben ist nicht hierarchisch angelegt. Jeder ist einmalig und kann diesbezüglich zukunftsweisend sein. Eine zukunftsfähige, kreative Wissensgesellschaft entsteht nicht aus Verfügungswissen, das Machen herausfordert und nach Macht strebt, sondern aus Orientierungswissen, das Einsicht erlaubt und zur Weisheit führt.
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