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BUGA '07 für Kultur-Journal am 6. Mai 07
von Claus Biegert
Ortstermin: BUGA-Pressekonferenz in Gera. Auf der Hinfahrt durch das Zugfenster Bilder verlassener Orte, die allein durch ein gesprühtes "Fuck You" oder eine zertretene Cola-Dose am Bahnsteig kund tun, dass wir uns im Jahr 2007 aufhalten. Diese Bilder schaffen im Kopf andere Bilder: Wie wohl eine Pressekonferenz aussehen würde, läge Thüringen noch in der DDR?
Wahrscheinlich so: Ein Maskottchen und eine Schönheitskönigin empfangen die Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen, die Honoratioren des Staates reden über die Leistungen des Staates, Fragen sind nicht erlaubt, die Schritte werden gelenkt, vorher belegte Brötchen und danach Kartoffelsuppe.
Klischees können eine gute Vorbereitung für die Wirklichkeit sein.
Ein grüner Plüschdrache mit roten Krallen und eine junge BUGA-Königin mit dunklen Augen bilden das Begrüßungskomitee. Es gibt belegte Brötchen. Aufgereiht stehen Politiker und Funktionäre vor den mit Journalisten gefüllten Stuhlreihen und sagen ihre Statements und ihr Selbstlob auf, individuell angetextet vom BUGA-Pressechef, Fragen sind nicht vorgesehen, zwischen Powerpoint-Flower-Power und Kartoffelsuppe noch ein schneller Gang in den Hofwiesenpark für eine kleine Überraschung. Die Überraschung ist die Enthüllung einer Verhüllung: über eine Hauswand hat ein Künstler ein Banner gespannt, links grau, das war vor der Wende - und rechts bunt, das ist nach der Wende. Stil: New York-Graffiti. Wie lang er dazu gebraucht habe, will der BUGA-Pressechef wissen. Ja, das interessiert uns alle. An die Medienvertreter ergeht die Bitte, doch ja gut über die BUGA zu schreiben, denn sie sei ein Weltereignis. So etwas habe noch nie statt gefunden und werde so bald auch nicht wieder statt finden.
Von was reden die Herrschaften? Sie beschwören immer wieder eine "neue Identität." Die, so hat es den Anschein, ist nicht so einfach abrufbar.
Was ist hier im Busch?
Es ist die Vergangenheit!
Wo sich jetzt eine geschwungene Hügellandschaft im Süden Ronneburgs erstreckt und das Gessental mit einschließt, befand sich Jahrzehnte lang ein Teil einer der größten Urangruben Europas. Hier herrschte die Wismut. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut war 40 Jahre lang drittgrößter Uranproduzent der Welt, 130.000 Bergleute arbeiteten in den Stollen und im Tagebau, das Areal reichte weit ins das Erzgebirge hinein. Wismut war ein Staat im Staat, hier gab es Trabi, Urlaub, Schnaps und höhere Löhne - und ein höheres Gesundheitsrisiko. Wismut-Kumpel wußten, dass ihre Lebenserwartung bei knapp über 50 lag - der Krebs wurde zur nahezu unvermeidlichen Berufskrankheit. Immerhin war er als solche anerkannt, und das Krankenhaus der Wismut galt als eines der besten der DDR. Nach der Wende wurde den Bergleuten Krebsleiden nicht mehr als Berufserkrankung anerkannt. Die Regierung in Bonn wollte nicht zusätzliche Kosten, vor allem keine Präzedenzfälle für ihre Kernkraftwerke. Der evangelische Pfarrer Roland Geipel aus Gera führt mich in das ökumenische Zelt der BUGA, dort sitzen wir und der Pfarrer erzählt vom Leid der Bergleute aus seiner Pfarrgemeinde, deren Sterben er bis heute begleitet. Für ihn ist die Vergangenheit Gegenwart. Ich höre Geschichten von Menschen, die im Krankenhaus aus dem Fenster sprangen, um ihrer Qual beim Atemholen ein Ende zu setzen.
Von Wismut bezog die Sowjetunion den größten Teil ihres Urans für Kernwaffen und Kernreaktoren. Dann kam die Wende, und Moskau überließ dem wiedervereinigten Deutschland die Mondlandschaft im Erzgebirge und in Osttüringen. Das waren auf 3700 Hektar 56 Schächte, 1400 Kilometer horizontaler Grubenbau, 50 Abraumhalden, 14 toxische Schlammteiche, sowie ein 160 Hektar umfaßender Trichter aus dem Tagebau, der 240 Meter in die Tiefe ging.
Aus dem Rooneburger Teil dieser aufgerissenen und verseuchten Erde schufen nun Bergbau- und Umweltingenieure, Landschaftsplaner und Gartenbauer eine Parklandschaft mit unterschiedlichen Höhen. Ihr bescheinigte das Umweltinstitut Darmstadt, dass die Radioaktivität und der Austritt von Radongas heute auf ein Maß vermindert ist, das unter den natürlichen Strahlungswerten im Schwarzwald liegt. Die Kosten für die Renaturierung: 6,2 Milliarden Euro. Auch das gehört zu den Kosten unseres Atomstroms, von dem es nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA hieß, er sei so billig, dass man die Gebühren kaum bemessen könne.
Wir haben hier ein Vorzeigeobjekt vor uns: Rhododendron und Radon. Oben Rhododendron, unten Radon. Ein Zusammentreffen ungewöhnlicher Art, eine Schnittstelle zwischen Atomstaat und Kulturlandschaft. Radioaktive Strahlung und strahlendes Blumenmeer. Nein, für die Werbesprache einer BUGA taugt die Situation sicher nicht. Wenn der Bundespräsident zur Eröffnung anreist, und man in Erwartung von Millionen Gästen ist, dann wird nicht nur der Rasen getrimmt, sondern auch die Public Relation.
Warum? Ein Schauplatz des Atom- und Industriezeitalters, auf dem die Natur und die Menschen gleichermaßen rücksichtslos ausgebeutet wurden, ist in eine nutzbare Landschaft verwandelt worden. Also eine Transformation, auf die die Mitarbeiter der heutigen Wismut-AG und ihrer Tochterfirma Wisutec ebenso stolz sind wie die Umweltaktivisten und Kritiker des Uranabbaus. Doch diese Transformation bleibt in der großen Pressekonferenz unerwähnt, wenn man davon absieht, dass im BUGA-Logo über den Blütenblättern kaum sichtbar eine Elipsenwolke kreisender Elektronen schebt, in Anlehnung an das alte Atomsymbol in der Physik.
Auf dem Weg über den Rasen läuft neben mir der Statssekretär im Landwirtschaftsministerium, Prof. Christian Juckenack. Er ist mir vorher aufgefallen. Als er ans Mikrophon gerufen wurde, hob er ein gerade erschienenes Buch hoch und rief den Titel in den Raum: "Uran für Moskau"; dann steckt er es schnell wieder in die Tasche. Das war sichtlich nicht abgesprochen. Ich frage ihn: Warum ist die Tranformation zur Neuen Landschaft nicht ein großes Thema? "Da haben Sie völlig Recht," sagt der Politiker, "das ist eine der Wahrnehmungen, die wir häufiger hören. Nur muß man wissen, dass die Bundesgartenschau für dieses Thema ja auch nicht angetreten ist; das kommt quasi im Beipack dazu."
Von der Welt wahrgenommen werden möchte die BUGA - ja, das wäre sicher möglich, wenn der Beipack im Zentrum stünde. Wie wäre es, wenn die BUGA die Verwandlung vom Bergbau zum Blumenmeer verbunden hätte mit einem Appell an die Welt? Einem Appell, aus der Vergangenheit zu lernen und Atomwaffen und Atomstrom zu ächten. Uranabbau ist der Beginn des sogenannten "nuklearen Kreislaufs", der kein Kreislauf ist, da am Ende radioaktiver Müll zurück bleibt, dessen Entsorgung noch größere Probleme aufwirft, als der Abraum am Anfang. Zudem ist es heuchlerisch, die bundesdeutschen Kernkraftwerke von Wismut zu trennen, weil hier die Sowjetunion hinter dem Eisernen Vorhang üble Dinge trieb. Wir beziehen 32 Prozent unseres Stroms aus Atomkraftwerken, bei unserem Nachbarn Frankreich sind es 78 Prozent. Wo kommt der Rohstoff Uran her? Überwiegend aus Kanada und Australien. Dort führt der Bergbau zur Zerstörung der Lebensgrundlagen der Stammesvölker. Das heißt: Solange wir Kernenergie akzeptieren, sind wir für die Zerstörung indigener Völker verantwortlich. Atomenergie bedeutet Kulturzerstörung. Die BUGA '07 könnte eine Friedens-BUGA sein. Frieden ist gefährdet, wo Uran abgebaut und Atommüll gelagert wird, Atomkraftwerke betrieben werden und Atomwaffen stationiert sind. Wäre das nicht eine Herausforderung gewesen, eine Chance, um die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen?
Auch für den Chemiker Hans-Dieter Barth, Sprecher des Kirchlichen Umweltkreises Ronneburg, mit dem ich später über den frisch ausgelegten Rollrasen der neuen Landschaft laufe, wäre es naheliegend, eine solche Verwandlung in einen globalen Anti-Atom-Kontext zu stellen.
"Wir finden", sagt Barth, "es ist ein guter Schlußpunkt für eine sehr aufwendige Sanierung, die in Europa und wahrscheinlich in der Welt ihresgleichen sucht. Das ist keine Frage. Aber die andere Seite ist natürlich: Die BUGA kommt überhaupt nicht damit zurecht, dass sie auf solchem Grund ihre Fundamente errichtet hat. Die Idee liegt viele Jahre zurück und stammt von einem Ingenieurbüro. Mittlerweile ist es in Konkurs gegangen, aber die Idee hat sich gehalten. Wir fanden das immer sehr faszinierend, weil ich denke, dass der Gegensatz zwischen Uranabbau und Bundesgartenschau gar nicht größer sein kann. Wenn man das natürlich ignoriert, hat es was Absurdes. Diesen Widerspruch kann man nur auflösen, wenn man sich der Sache stellt, einen anderen Weg gibt es nicht." Zitatende.
Mit Pfarrer Göbel und dem Chemiker Barth kann ich einen Blick in das noch nicht eröffnete Wismut-Museum werfen. Es bildet für die BUGA-Besucher den östlichsten Punkt. Hier wird zwar ungeschminkt die Vergangenheit beschrieben, doch die Machbarkeit einer zivilen Nutzung der Kernenergie nicht in Frage gestellt.
Die BUGA eröffnete am 27. April in Gera. An einem 26. April geschah der Supergau von Tschernobyl. Wahrscheinlich kam das Uran von der Wismut. Irgendwann werden Bundesgartenschauen sich den Fragen der Zeit stellen müssen, so wie es Kirchentage tun. Selbst der große Atom-Physiker, Philosoph und Theologe Carl-Friedrich von Weizsäcker nahm von der Nutzung der Kernenergie Abstand, als er erkannte, was für eine Gefährdung der Schöpfung sie darstellt
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