graphic by Pierre Mendell

2005 Nuclear-Free Future Award Preisträger

Widerstand: Motarilavoa Hilda Lini, Vanuatu, Südpazifik

Schon als Studentin kämpfte die heute 47jährige gegen die Kolonialmacht Frankreich. Seit 1980 ist ihre Heimat, der Inselstaat Vanuatu, unabhängig. Als Ministerin und Vorsitzende mehrer südpazfischer NGOs engagierte Hilda Lini sich für Frieden und Menschenrechte, insbesondere die Rechte der Frauen und der indigenen Völker. "Für die USA ist das Kwajalein-Atoll nach wie vor ein Schießplatz zur Erprobung von Raketensprengköpfen, die u.a. im Irak, in Palästina und in Kaschmir eingesetzt werden. Wir sind die Hüter des Pazifiks und gleichzeitig die Opfer der nuklearen Schandtaten, die fortgesetzt an den indigenen Völkern verübt werden. Kernwaffen und Kernwaffentests sind ein menschenrechtswidriges Verbrechen."


Lösungen: Preben Maegaard, Dänemark

Preben Maegaard ist ein echter Pionier. Bei der ersten Ölkrise erkannte er, dass die Abhängigkeit von fossilen Energien katastrophale Folgen haben muss. 1983 gründete er das unabhängige Nordic Folkecenter for Renewable Energies zur Erforschung und Erprobung erneuerbarer Energien. "Erst Dänemark und dann die ganze Welt" ist sein Leitsatz. 1991 wurde er Vizepräsident von Eurosolar, 2001 Präsident der World Wind Energy Association, die bisher drei Weltwindenergiekonferenzen veranstaltet hat - 2002 in Berlin, 2003 in Kapstadt, 2004 in Peking. Dass China Atomkraftwerke baut, ist nicht Preben Maegaards Schuld, doch dass der energiehungrige Staat auch der Windkraft eine echte Chance geben wird, ist sein Verdienst. Er brachte wichtige chinesische Entscheidungsträger an den Konferenztisch.


Ehrenpreis für ihr Lebenswerk: Mathilde Halla, Österreich

1973 ließ der Beitritt zur Bürgerintiative gegen Atomgefahr die Lehrerin zur Aktivistin werden. "Unerschöplichen Optimismus" brachte sie mit, jetzt lernte sie demonstrieren, organisieren und Öffentlichkeit herstellen. Zwentendorf und Wackersdorf sind Stationen ihres erfolgreichen Widerstands gegen Atomanlagen, heute bekämpft sie genauso entschlossen Temelin.


Besondere Anerkennung: Stammesrat der Navajo,
vertreten durch den Präsidenten Joe Shirley Jr., USA

Das Navajo-Reservat ist uranreich und daher übersät mit den grässlichen Folgeschäden des Uranabbaus für Mensch und Umwelt. Von 1979 bis 1991 lag hier der größte Uran-Tagebau der Welt, etwa 1000 stillgelegte Minen zählt man heute. Die Zahl der Krebstoten lässt sich nicht genau feststellen. Jetzt will die Atomindustrie erneut zuschlagen, und Bush greift ihr fürs erste mit 30 Millionen Dollar unter die Arme. Doch die Navajo wehren sich - diesmal mit der Feder: Im April 2005 verabschiedeten sie ein Stammesgesetz, das den Uranabbau auf ihrem Land für alle Zeiten verbietet. Der Konflikt mit dem Atomstaat USA ist vorprogrammiert. Die Medien zeigen sich an der Entscheidung der Navajo desinteressiert, der Nuclear-Free Future Award will das ändern.



2005 Vorwort Preisbroschüre
--Claus Biegert

"Heller als tausend Sonnen" jubelten die Schöpfer der ersten Atombombe im Morgengrauen des 16. Juli 1945. Sogar ein blindes Mädchen, so ein US-Nachrichtensprecher am selben Tag, habe den Blitz wahrgenommen. Heute, 60 Jahre danach, nach allem Schrecken, nach allen Erkenntnissen, kann sich die Atombombe noch immer einer starken Anhängerschaft erfreuen. Eine Blindheit der Elite, könnte man attestieren. Welche Magie ist am Werk, um Vernunft, Gewissen und Weitsicht so lange so erfolgreich zu unterdrücken? Hier ist keine rasche Antwort möglich. Bis wir zur Frage zurückkehren, ein Rückblick im Eilschritt.

Eigentlich begann es in der Schweiz: Albert Einstein arbeitet 1905 als junger Mann im Patentamt in Bern, als er die Formel E = mc² entwickelte. Theoretische Physik war seine Leidenschaft. "E" steht für die Energie, "m" für die Masse, "c" für die Lichtgeschwindigkeit. Das "c" ist das Gefährliche: Die Lichtgeschwindigkeit ( 300 Millionen Meter in der Sekunde) im Quadrat ergibt: 90 000 000 000 000 000. Sehr kleinen Mengen von Materie (Masse) können sich also in unvorstellbar große Mengen Energie verwandeln. In einem Atomreaktor geschieht die sogenannte Kettenreaktion langsam, in einer Atombombe auf einen Schlag. Zu dieser Zeit dachte Einstein noch nicht an Kernspaltung. Erst als 1919 Ernest Rutherford die künstliche Kernumwandlung entdeckte, kommentierte er: "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass daraus neuartige Energiequellen von ungeheurer Wirksamkeit erschlossen werden."

Dann folgten die Erkenntnisse über die Kernspaltung - Otto Hahn, Fritz Strassmann, Lisa Meitner, Otto Robert Frisch, Niels Bohr, Enrico Fermi hießen die Pioniere - fast parallel zu der sich entwickelnden Gefahr eines Zweiten Weltkriegs. Am 2. August 1939 schrieb Einstein einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt; darin warnte er ihn vor einer Uranwaffe Hitlers und drängte den Präsidenten, den Bau der Atombombe voranzutreiben. Der Roosevelt folgte Einsteins Rat, und mit Uran aus dem Kongo und Kanada wurde in Los Alamos, New Mexico, unter dem Decknamen "Manhattan Project" die Bombe entwickelt und am Montag, den 16. Juli 1945, auf dem ursprünglichen Land der Apachen, in der Wüste White Sands bei Alamogordo, erstmals gezündet. Es war ein Montag, der die Welt veränderte. Drei Wochen später fielen die Bomben auf Japan. Einstein danach: "Ich habe einen großen Fehler in meinem Leben gemacht, als ich den Brief an Präsident Roosevelt geschrieben habe."

Die Bombe war da und das Wettrüsten begann. Mit dem Mythos der "friedlichen Nutzung" der Kernenergie schuf man in der Bevölkerung eine Akzeptanz der Kernspaltung. "Bombensicher" wurde ein Wort der Umgangssprache. Es schien, als sei mit dem radioaktiven Fallout auch eine Veränderung des menschlichen Denkens einher gegangen. Nicht bei allen: Viele namhafte Physiker aus Los Alamos wandten sich ab von dem Geist, den sie aus der Flasche gelassen hatten, und plädierten für eine radikale Abkehr. Wissenschaftler aus aller Welt schlossen sich an, unter ihnen Albert Einstein und Albert Schweizer. Die beiden Alberts wurden zu Galionsfiguren der Friedensbewegung. Am 4. November 1954 nahm Albert Schweizer in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen und nutzte seine Dankesrede, um vor der Atomgefahr zu warnen. Einstein drängte ihn, sein internationales Renommee weiter zu nutzen. um gezielt Einfluss zu nehmen und die Einstellung aller Atomtests zu fordern. Im April 1955 starb Albert Einstein. Sein Worte wurden für Albert Schweitzer Antrieb für den Rest seines Lebens. 1957 verbreitete er über Radio Oslo seinen "Appell an die Menschheit", in dem er eine totale nukleareAbrüstung in West und Ost forderte. "In einem Atomkrieg", so sein Resümee, "wird es keine Sieger geben, sondern nur Besiegte." Der betagte Friedensmann erntete Empörung von Seiten der Regierungen, viele Zeitungen vermieden die ernsthafte Auseinandersetzung und scheuten sich nicht vor plumpen Angriffen. Die "Neue Züricher Zeitung" behandelte ihn als senilen Alten und überschrieb ihren Kommentar mit der Zeile "Seltsamer Albert Schweitzer". Textauszug: "Der verehrte Name Albert Schweitzers darf nicht davon abhalten, festzustellen, dass dieses Dokument politisch und philosophisch, militärisch und theologisch wertlos ist. Das Wagnis, das er dem Westen zumutet, ist an sich schon ungeheuerlich. Das Urteil über Amerika und die Sowjetunion andererseits macht es vollends unmöglich, Albert Schweitzers Rat in Erwägung zu ziehen."

In einem ähnlichen Ton äußerte sich unlängst die, in Wien ansässige Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA). Im letzten Herbst hatten 150 internationale Organisationen, zu denen auch der Nuclear-Free Future Award gehörte, in einem offenen Brief an UN- Generalsekretär Kofi Annan und an die IAEA vorgeschlagen, die Förderung der Atomenergie explizit aus dem Mandat der Internationalen Atomenergiebehörde auszuklammern. Letztere bezeichnete in ihrer Antwort den Vorschlag als "naiv und unmenschlich" und riet den Unterzeichnern, ihr "Lobbying auf Bereiche lenken, in denen mehr für Humanität und Frieden erreicht werden kann!"

Die Verleihung des Nuclear-Free Future Award in Oslo - 60 Jahre nach der ersten Bombe, 50 Jahre nach Einsteins Tod, 40 Jahre nach Schweizers Tod - soll daran erinnern, dass von hier aus mit Albert Schweizers Appell die erste Mahnung eines Weltbürgers in die Welt ging. Der Nuclear-Free Future Award hat das Vermächtnis der frühen Warner in sein Programm aufgenommen. Und so haben wir Gelegenheit, die Aufrufe an unser Gewissen neu und frisch zu hören - aus der Südsee, aus Dänemark, aus Österreich, aus den USA.

Unsere Titelseite zeigt dieses Jahr erstmals nicht die australische Regenbogenschlange. Wir haben ein Motiv gewählt, das der Münchner Grafiker Pierre Mendel für uns als Poster gestaltet hat, nach dem Motto: "Atomkraft hat keine Zukunft. Wer die Alternativen nicht sieht, ist blind." Blind ist auch, wer nicht sieht, wie eng der technologische Schulterschluss zwischen militärischer und ziviler Nutzung der Kernenergie ist. Die Nachrichten aus Nordkorea und Iran sollten Beweis und Erinnerung genug sein.

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Ja, da ist noch die unbeantwortete Frage von oben. Solange die Weltmachthaber die Welt einteilen in Gut und Böse, solange wird die Atombombe ein Werkzeug ihrer Politik bleiben. Erst der Schritt in den Raum "jenseits von Gut und Böse" (Tagore, Nietzsche) wird eine geistige Abrüstung möglich machen. Zur nuklearen wäre es dann nicht mehr so weit.

"Die Probleme dieser Welt können nicht mit dem Denken gelöst werden,
mit dem sie entstanden sind"
--Albert Einstein



Was kann ich tun?

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