Nuclear-Free Future Award: die Preisträger 2004
Der Nuclear-Free Future Award, der "weltweit wichtigste Anti-Atom-Preis" (taz, Berlin), ehrt seit 1998 Visionäre und Aktivisten, die sich beispielhaft für eine Welt ohne Atomwaffen und Atomenergie einsetzen. Die Nuclear-Free Future Awards 2004 wurden am 28. November im Atomstaat Indien verliehen - als krönender Abschluss einer dreitägigen Konferenz der indischen Antiatom- und Friedensbewegung in Jaipur. Ausgezeichnet und mit jeweils 10.000 Dollar Preisgeld gefördert wurden:
Resistance/Widerstand: JOAR, indigene indische Bauern
Seit Jahrzehnten betreibt die Uranium Corporation of India Ltd (UCIL) Uranabbau im Bezirk Singhbhum im Bundesstaat Bihar. Singhbhum liegt in einem der größten Waldgebiete Asiens und ist außerordentlich reich an Bodenschätzen aller Art. Die Menschen, denen ihr angestammtes Land genommen wurde, wehren sich, ebenfalls seit Jahrzehnten: gegen Dämme, gegen schießwütige Polizisten und gegen den Uranabbau mit seinen Abraumhalden. Führend im Widerstand ist die von Ganshyam Birulee geleitete Jharkandis Organisation Against Radiation, JOAR.
Education/Aufklärung: Asaf Durakovic, amerikanischer Nuklearmediziner
Als Radiologe und Fachmann für Strahlungsschäden genießt Prof. Dr. Durakovic internationalen Ruf. Seit über zehn Jahren hat er vor allem DU (abgereichertes Uran) im Visier - das Agent Orange der jüngeren Kriege. Als Leiter der Nuklearabteilung eines Armeekrankenhauses bei Washington untersuchte der Arzt 1991 27 amerikanische Soldaten, die am Golfkriegs-Syndrom litten. Bei mehr als der Hälfte stellte er DU im Körper fest, zwei starben innerhalb eines Jahres an Lungenkrebs. Als Durakovic sich weigerte, bei der Vertuschung der Strahlungsschäden mitzuwirken (Urinproben und Leichen verschwanden), setzte das Pentagon ihn ab. Daraufhin gründete er in Kanada das Uranium Medical Research Center (www.UMCR.net), das seit 2002 u.a. zwei Forschungsteams in Afghanistan unterhält. "Ich habe Strahlungsschäden auf der ganzen Welt mit eigenen Augen gesehen," sagt Durakovic; "die langfristigen Auswirkungen von DU sind unermesslich." Bei einer Pressekonferenz in Jaipur wurde er noch deutlicher: "Wir sind kurz davor, den Genpool der Menschheit zu zerstören; den Anfang machen wir im Nahen Osten."
Solutions/Lösungen: Jonathan Schell, amerikanischer Publizist
Jonathan Schells Schicksal der Erde - eine durch ihre Anschaulichkeit besonders entsetzlich Schilderung der unmittelbaren Auswirkungen einer Atombombenexplosion über Manhattan - wurde vor 20 Jahren ein internationaler Bestseller. Der Autor eines knappen Dutzends Bücher - deutsch zuletzt Die Politik des Friedens (Hanser, 2004) - arbeitet unermüdlich an Entwürfen für eine friedliche und atomfreie Welt. Seit Herbst 2003 unterrichtet Schell "Nuclear Studies" an der renommierten Yale University. Wir dokumentieren hier die Laudatio seines Mitstreiter Robert del Tredici sowie - vorerst nur auf Englisch - ein Interview mit Schell.
Den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erhält die Österreicherin Hildegard Breiner, die ihre Vorarlberger Mitbürger in den erfolgreichen Widerstand gegen Zwentendorf und Wackersdorf geführt hat und heute Temelin genauso entschlossen bekämpft. Besondere Anerkennung zollt der Nuclear-Free Future Award der indischen City Montessori School in Lucknow. Friedenserziehung spielt eine Schlüsselrolle im Lehrplan dieser Schule, die eine internationale Kampagne gegen Atomwaffen und für ein Weltparlament initiiert hat.
Vom Pentagon schlicht gefeuert
Der Mediziner Durakovic erhält morgen den Anti-Atom-Preis für seinen Kampf gegen radioaktiv belastete Munition. Zudem geehrt: indische Bauern und ein US-Publizist.
taz Nr. 7525 vom 27.11.2004, Seite 8, 87 TAZ-Bericht von Wolfgang Heuss
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