Nuclear-Free News

Es war im Januar diese Jahres – die Weltmacht westlich des Atlantiks schickte sich an, das Land von Euphrat und Tigris unter Beschuß zu nehmen – als der jüdische Physiker Daniel Amit, wohnhaft in Rom, von der US-Zeitschrift Physical Review, via E-mail ein Manuskript zur Beurteilung erhielt. Amit lehnte ab. Er werde, schrieb er zurück, angesichts der Weltlage mit keiner amerikanischen Institution zusammenarbeiten. Die Physical Review wird von der renomierten American Physical Society herausgegeben. Amits Ablehnung ließ den Chefredakteur nicht gleichgültig: "Wir sind der Ansicht, dass es von essentieller Bedeutung ist, dass alle Seiten sich bemühen, soziale und politische Unterschiede nicht auf die wissenschaftliche Arbeit und ihre Veröffentlichung Einfluß nehmen zu lassen. Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, unbeirrbar ihren Weg zu gehen."

Amids Antwort, einen Tag später: "Was wir heute beobachten können, ist, glaube ich, die Zuspitzung einer, seit zehn, fünfzehn Jahren zunehmenden Barbarei amerikanischer Kultur weltweit, gekrönt von den Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, die als schwere Waffen zur Massenvernichtung eingesetzt werden. Wir sind Zeuge von Menschenjagden und willkürlichem Töten, in einem Ausmass, wie wir es seit dem Völkermord an den Indianern nicht mehr gesehen haben. Wir sehen nirgendwo eine korrigierende Kraft, die sich gegen die Geisteskrankheit, die Selbstüberschätzung und den Mangel gegenüber menschlichem Leben (seien es Zivilisten oder Militärs) einer anderen Kultur wendet. Wissenschaft kann nicht neutral bleiben, besonders nachdem sie mißbraucht wurde auf so zynische Weise, als Inspektoren ein Land auf seine Dezimierung durch Laser gesteuerte Cluster Bomben vorbereitete. Nein, Wissenschaft der amerikanischen Art hat keine Berechtigung. Ich persönlich kann mich nicht mehr an amerikanischer Wissenschaft beteiligen. Unglücklicherweise gehöre ich als Jude zu einer Nation mit ähnlich geistiger Abweichung, die sich als ebenso unverbesserlich erweist. (...) Ich werde meinen bescheidenen Beitrag des zivilen Ungehorsams leisten, damit ich künftig meinen Enkeln und Studenten in die Augen sehen und sagen kann: Ich habe es gewußt."

Danke Daniel Amit. Es sind die zivilen Ungehorsamen, die uns den Weg weisen. In der Übergangsphase des sogenannten Paradigmenwechsels sind sie nötiger denn je. Whistleblower heißen unsere neuen Helden: Sie pfeifen Alarm, weil die herrschenden Institutionen ausser Kontrolle geraten und den Gang der Dinge in den Abgrund steuern. Wir brauchen sie nötiger denn je in einer Zeit, da die Medien immer wieder an ihre Verantwortung erinnert werden müssen. Wir brauchen Menschen, die Befehle hinterfragen und die Loyalität gegenüber der organisierten Lüge verweigern. Dies gilt auch auf dem weiten Feld der Atomwaffen und der Atomenergie, wo Fehlinformation und Gehirnwäsche nach wie vor mit den Ton angeben.

Wir ehren daher die drei amerikanischen Ordensschwestern Carol Gilbert, Jackie Hudson und Ardeth Platte, die irakische Geologin Souad Naij Al-Azzawi, den indianischen Medizinmann Corbin Harney und die deutsche Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake für ihren Mut, sich der Wahrheit zu verpflichten.




TAZ, 13 Oktober:
Zum sechsten Mal wurde gestern der "Nuclear-Free Future Award" verliehen. Der weltweit wichtigste Anti-Atom-Preis geht in deisem Jahr an drei Ordensschwestern, eine irakishce und eine deutsche Wissenschaflterin. Und an einen Medizinmann (weiter...)

Süddeutsche Zeitung, 13 Oktober:
Auszeichnung für zivilen Ungehorsam (weiter...)

Photos by Orla Connolly

Hans-Peter Dürr Festrede

Mit dem Nuclear-Free Future Award werden seit 1998 weltweit Menschen geehrt und gefördert, die sich für eine Welt ohne Atomwaffen und Atomenergie erfolgreich einsetzen. Der Preis ist mit 30 000 Euro dotiert. Dieses Jahr fand die feierliche Verleihung unter Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Christian Ude am 12. Oktober im Alten Rathaus in München statt.

Die internationale Jury (u.a. Till Bastian, Angela Davis, Johan Galtung, Monika Griefahn, Val Kilmer, Christine v. Weizsäcker) hat soeben die Preisträger 2003 in den drei Kategorien Widerstand, Aufklärung und Lösungen bekannt gegeben. Außerdem gibt es einen Ehrenpreis für Lebenswerk.

Wie letztes Jahr in St. Petersburg können auch diesmal nicht alle Preisträger ihren Preis persönlich entgegen nehmen - weil sie im Gefängnis sitzen. Der Wind, der konsequenten Atomgegnern ins Gesicht bläst, wird mancherorts deutlich schärfer.

Die Ordensschwestern

Carl Amery Lobrede

Drei Dominikanerinnen nahmen Bushs Aufruf, Massenvernichtungsmittel zu zerstören, wörtlich: Im Oktober 2002 drangen sie in ein Atomraketensilo in Colorado ein und hämmerten symbolisch auf die Minuteman-Raketen ein. Sie zeigten der Welt, dass es auch ein anderes Amerika gibt, und sitzen dafür jetzt im Gefängnis. Mit ihrer Ehrung soll ein wichtiges Element der amerikanischen Friedensbewegung - The Ploughshares Movement - gewürdigt werden. Carol Gilbert (2 Jahre, 9 Monate Haft), Jackie Hudson (2 1/2 Jahre) und Ardeth Platte (3 Jahre, 5 Monate) erhalten den Preis für Widerstand.

Die Wissenschaftlerin

Die irakische Geologin Dr. Souad Al-Azzawi hat sich eines Themas angenommen, das in den europäischen Medien kaum vorkommt: abgereichertes Uran (depleted uranium). Es gehört zum Abfall der Kernkraft und wird wegen seiner extremen Dichte zum Härten von Munition verwendet. Durchbohrt ein damit gehärteter Sprengkopf ein gepanzertes Ziel, so explodiert er. Radioaktive Partikel mit einer Halbwertzeit von 4 ½ Milliarden Jahren werden freigesetzt. Der moderne Krieg ist automatisch ein radioaktiver Krieg. Seit dem ersten Golfkrieg strahlt der südliche Irak, und keiner spricht davon. Nicht so Dr. Souad Al-Azzawi. Sie erhält den Preis für Aufklärung.

Der Medizinmann

Der indianische Älteste Corbin Harney (er ist weit über 80) ist ein Medizinmann der Western Shoshone Nation, der "most bombed nation of the world", wie er selbst sagt. Auf dem Land der Western Shoshone liegt die berühmt-berüchtigte Nevada Test Site. Hier sind fast 500 Atombomben detoniert, hier ist am Yucca Mountain ein riesiges Endlager für Atommüll in Planung. Das Land gehört vertraglich den Indianern, die aber für den Landraub und die Zerstörung nie entschädigt wurden. Corbin Harney betritt immer wieder das verbotene Gelände, um mit Friedensaktivisten aus aller Welt Zeremonien abzuhalten. Er will das Land heilen und wieder in indianischen Besitz zurück bringen. Er war einer der ersten Indianer Nordamerikas, die sich für eine atomfreie Welt zu Wort meldeten. Er erhält den Preis für Lösungen.

Die Physikerin

Inge Schmitz-Feuerhake war von 1973 bis zu ihrer Eremitierung Professorin für Experimentalphysik an der Universität Bremen. Ihre Studien in der Elbmarsch lösten die bis heute anhaltende Diskussion über die Leukämiehäufigkeit bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken aus. Von Universitätskollegen angefeindet, von der Atomindustrie geschmäht und in den Medien lächerlich gemacht, ließ sie sich nie von ihrem Weg als verantwortungsvolle Wissenschaftlerin abbringen. Inge Schmitz-Feuerhake erhält den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk.

Beitrag Inge Schmitz-Feuerhake zur Sitzung Phase II: Müllhalde

Photo of Altes Rathaus München by Orla Connelly
2003 Nuclear-Free Future Awards Ceremony, Altes Rathaus, Munich.
Photo of Craig Reishus and Frank Uhe by Dick Bancroft Frank Uhe, IPPNW, and Craig Reishus, Nuclear-Free Future Award.



Was kann ich tun?

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