03.02.09–Es war während eines Workshops in Oberbayern, Mitte der Neunziger Jahre. Wir Teilnehmer saßen im Kreis auf dem Boden und sprachen über die Kraft von Schönheit. Joanna Macy, die Pionierin der "Deep Ecology"-Bewegung, bat uns, an etwas zu denken, das unsere Stimmung heben, unseren Geist beflügeln, unser Herz glücklich machen würde. Im Urzeigersinn ging die Runde, es dauerte eine Weile bis Joanna als letzte dran kam. Sie schaute versonnen in die Ferne und sagte: "I think of the hands of my husband Fran – Ich denke an die Hände meines Mannes Fran."
Diese Hände haben viel angepackt und ihre Spuren in der amerikanischen wie in der russischen Friedensbewegung hinterlassen. Nun ruhen sie für immer.
Am Tag von Barak Obamas Amtseinführung hatten Joanna und Fran, beide über 80, vor dem Fernseher gesessen, glücklich, dass die Ära Bush vorüber war, glücklich, dass sie den Wechsel noch erleben durften. "Ich lege mich ein bisschen hin", sagte Fran, als Obama seinen Eid gesprochen hatte. "Tu das, mein Lieber", sagte Joanna und drückte seine Hand. Fran wachte nicht mehr auf.
Zweifache Trauer im Büro des Nuclear-Free Future Award: Zuvor war die Nachricht vom Tode Lydia Popovas eingetroffen. Es war Fran Macy gewesen, der 1998 Lydia für den Preis nominiert hatte. Gemeinsam sollen sie daher in dieser Erinnerung erscheinen.
Beide waren in ihren Karrieren im Establishment gelandet: Fran arbeitete für Radio Free Europe und erhielt seinen Gehalt genau genommen vom CIA, Lydia stand in Diensten von MINATOM, dem russischen Atomministerium. In der Mitte ihres Lebens kam für beide eine Phase, da die im Kalten Krieg antrainierte Sichtweise auf die Welt nicht mehr funktionierte: Beide sahen die Welt plötzlich mit eigenen Augen und wurden von Zweifeln geplagt, fühlten sich unwohl in ihrer Haut – und stiegen aus. Und beide suchten im Feindesland nach Freunden – und fanden sich.
Fran, geprägt durch die Arbeit seiner Frau und Öko-Philosophen wie Arne Naess oder John Seed, gründete mit Joanna Macy in Berkely das "Institute for Deep Ecology" und dann, im Kooperation mit seinen russischen Freunden das "Center for Safe Energy". Lydia Popova reiste durch die USA, Fran Macy durch Russland. Bald gesellte sich zu dieser russisch-amerikanischen Allianz noch eine weitere Größe: Aleksei Yablokov, Umweltberater für Präsident Michail Gorbachev (und später Boris Jelzin), Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Präsident des Russischen Zentrums für Ökologische Politik.
Lydia nahm, nach 17 Jahren im Dienste der Regierung, den Fuß von der Karriereleiter und verließ das Atomenergie- und Industrieministerium Minatom. Ihre Untersuchungen der Brennelemente-Kreisläufe in der ehemaligen Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten bescherten ihr Einsichten, die sich nicht deckten mit den Ergebnissen, mit denen sie gezwungen wurde, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie zog einen Schlussstrich und wurde zum Whistleblower – noch zu einer Zeit, als Vertuschen und Anpassen die Grundtugenden der Aparatschiks waren. Von nun an galt ihr Engagement den erneuerbaren Energien und sie gründete 1992 das "Center for Ecology and Energy Policy", eine Dachorganisation für über 250 Umwelt- und Anti-Atomgruppen in Russland – für die Fran Macy den (überlebenswichtigen) Kontakt zu amerikanischen Stiftungen herstellte. Lydias Ruf ging bald über die Landesgrenzen hinaus und IPPNW-Deutschland und das Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt holten sie in ihre Beratergremien.
is presented by the
Franz Moll Foundation
for the Coming Generations
to
for his many decades of dedication
towards building a bridge of understanding
between the American and Russian
peace and environmental movements
Die Menschen – in Russland wie in den USA – die jetzt über schwer zu füllende Lücken klagen, haben gleichzeitig das Glück, eine lange Zeit mit Vorbildern gearbeitet zu haben, die bis zu ihrem Tod einen Schwung ihr eigen nannten, der andere mitreißt. Und das macht es leichter, die Arbeit fortzusetzen.