Kenji Higuchi

Kenji Higuchi. Image courtesy Dick Bancroft

Es gibt diese Katastrophenbilder, und sie verkaufen sich gut. Die Sekunde des Erdbebens. Oder auch der Horror um die Kernschmelze in Tschernobyl, April 1986. Und es gibt die Bilder danach, wie all das Gerade-noch-Erregende in Zeit und Raum versickert. Diese Bilder verkaufen sich nicht gut. Aber sie sind die wichtigeren. Solange es den Profiteuren von menschenfeindlicher Technologie gelingt, Unfälle (von Katastrophen reden sie nur, wenn die Not der Menschen für sie zum finanziellen Notfall wird) zu bagatellisieren als punktuelle Ereignisse, als kleine Abweichungen von harmloser Normalität, exakt solange ist ihre Praxis der legalisierten fahrlässigen Tötung ungefährdet.

Aber es gibt Dokumentare, die das Spiel der nuklearen Global Player nicht mitmachen. Der japanische Fotograf Kenji Higuchi ist ein Dachach-Fotograf; seine "Skandalfotos" bilden Menschen und Situationen ab, die nach offizieller Lesart nichts Skandalöses an sich haben. Den Reaktorarbeiter Isamu Morikawa zum Beispiel, den Kopf in einer Haltelschlinge, der brav und unwissend jahrelang "im Normalbetrieb" radioaktivem Staub und Abfall ausgesetzt war.

Diese beiläufig zum Tode Verurteilten gibt es offiziell nicht, und ihre Anklage existiert auch nur noch, weil Higuchi sie mit der Kamera dokumentiert hat. Seit fast dreißig Jahren dokumentiert er Opfer der japanischen Atomlobby, besonders die "Nuclear Gypsies" (so der Titel einer von Higuchi inspirierten BBC-Dokumentation über Wanderarbeiter, die in Japan die unvermeidliche Drecksarbeit der "sauberen Energie" machen).

Fotos müssen nicht unbedingt schreien, oft ist es besser, wenn sie eindringlich sprechen.

In kaum einem anderen Land der Welt kann die Atomindustrie so unbehelligt agieren wie im Land der "Hibakusha", der Hiroshima- und Nagasaki-Opfer. Doch Higuchis Dokumantationsarbeit ist es zu danken, daß dieses Weltwort der japanischen Sprache mehr und mehr auch auf die Opfer der friedlichen Kernspaltung Anwendung findet. Sein erster von bisher acht Fotobänden (Verstrahlte Arbeiter verschwinden im Dunkel) war als Aufklärungsmaterial für Studenten, Hausfrauen und Lehrer konzipiert und wurde schnell zum heimlichen long seller. Noch erfolgreicher: Dies ist eine Atomanlage (1991).

Higuchi ist der älteste Sohn eines Bauern; mit 24 Jahren rüttelten ihn Robert Capas berühmten Anti-Kriegsfotos auf und seither ließ ihn ein Thema nicht mehr los: die Mißhandlung des Menschen durch den Menschen. Higuchi hätte es sich – in dem Maße wie sein Renomée wuchs – leicht machen können als anerkannter Professor für Fotografie an drei Institutionen in Tokyo und als langjähriger Lehrer am renomierten Nippon Photography Institute. Aber die normale, wiewohl glänzende Karriereleiter war nicht sein Lieblingsstandort; als erster verschaffte er sich Zugang ins Innere japanischer Atomanlagen. Und sein Thema wurde die ganz und gar nicht normale Normalität. Die von Higuchi gegründete Cattleya Group erwies sich als Inspirationsquelle insbesondere für engagierte Nachwuchsfotografen. Was der Mann mit dem unbestechlichen Blick seinen Schülern und der Öffentlichkeit immer wieder vermittelt: "Fotos müssen nicht unbedingt schreien, oft ist es besser, wenn sie eindringlich sprechen." So wie eines, das den Titel trägt: Ein wunderbarer Tag in der Kristallbucht. Entspannte Menschen lassen sich im Wasser treiben. Im Hintergrund der Mihama-Reaktor, der pro Sekunde 70 Tonnen heißes Wasser in Richtung Strand speiht: "mild radioaktiv".

–Claus-Peter Lieckfeld


Carnsore Point Preisverleihung. Image: Dick Bancroft

The
Nuclear-Free Future
Award

is presented by the
Franz Moll Foundation
for the Coming Generations
to

Kenji Higuchi

Japan

for bearing to mind
in his accomplished images
the invisible, radioactive curse
twisted up with our lives

Carnsore Point,
8 September 2001

Ein wunderbarer Tag in der Kristallbucht

Ein wunderbarer Tag in der Kristallbucht