Für die Western Shoshone im US-Bundessaat Nevada hatte Deutschland den Namen einer Frau. Die Jahre gingen ins Land, die Jahreszeiten wechselten, die Probleme und Konfrontationen bei den Western Shoshone nahmen zu, im Widerstand, der von Carry und Mary Dann, Corbin Harney, Ian Zaparte und Pauline Esteves angeführt wurde, gab es immer eine feste Verbündete in Hamburg: Renate.
Und wenn die Streiter für Landrechte und atomfreie Zukunft nach Europa flogen, zur UNO in Genf oder zu den Menschenrechtsorganisationen, die quer durch Europa zunehmend als indianische Botschaften fungierten, dann hatten die Reisenden immer eine Reiseleiterin: Renate.
Hatten die Western Shoshone daheim alle Hände voll zu tun und konnten niemanden entbehren, wenn sich im Sommer in Genf die Arbeitsgruppe für Indigene Völker traf, dann waren sie dennoch vertreten, denn sie hatten das Mandat, für sie zu sprechen, ihr gegeben: Renate.
Jetzt ist Renate Domnick in die andere Welt gegangen, in die Welt, die von den Menschen, für die sie alles gab, Spirit World genannt wird. Um diesen Geist, der ihr inne wohnte, müssen wir uns keine Sorgen machen; Renate wird nicht zwischen den Welten umher irren. Sie wusste immer genau, wohin der Weg führte. Und sie hat uns allen gezeigt, was es heißt, für andere da zu sein.
Geboren am 16. November 1934 in Königsberg, musste sie mit ihrer Mutter im Januar 1945 fliehen, lebte mit ihr bei Bauern in der sogenannten Ostzone, bis sie dann im Allgäu ein Zuhause fand und dort ihre Jugend verbrachte und manchen Berg erklomm. Dort fand auch der verlorene Vater wieder zu ihnen, dort wurde ihr Bruder geboren. Über den Vater ließ sie nie etwas kommen, wenngleich die Streitereien mit ihren Eltern sie lange verfolgten. Gern hätte sie studiert, doch die Zeiten waren noch keine feministischen, in ihrer Familie hing man dem alten Bild an: der Mann an der Uni, die Frau am Herd. Renate wusste sich diesem Schema zu widersetzen: Kaum die Mittlere Reife in der Tasche, jobbte sie in einer Bibliothek und machte, immer noch zwischen den Allgäuer Bergen lebend, die Ausbildung zur Bibliothekarin.
Der nächste Lebensabschnitt führte sie Anfang der 60er Jahre in die Ehe und auch in den Norden; vorher kam ihre Tochter Andrea zur Welt. Jetzt hieß sie mit Nachnamen Unbehauen und ihre Stadt Hamburg. 1968 ließ sie sich wieder scheiden, sie lebte bereits in einer Wohngemeinschaft und nannte sich wieder Domnick; Andrea folgte aus dem Allgäu bald nach. Renate arbeitete jetzt bei Springer im Archiv, und interessierte sich für den indianischen Widerstand in den USA. Ihre Arbeit machte sie gewissenhaft und schnell, so schnell, dass während der Bürostunden immer noch Zeit blieb, sich den Menschenrechten zu widmen, Petitionen zu verfassen, Artikel zu schreiben, Aktionen zu planen. Das tat sie nie heimlich, alle wußten von ihrem Engagement. Ihre Freundin Andrea Wist: "Man kann sagen, Springer hat Renates Indianer-Arbeit finanziert."
Und dann kam eines Tages die erste Reise über den Atlantik und schließlich wusste niemand mehr genau, wann Renate das erste Mal auf der Bühne des Widerstands erschienen ist. Sie war einfach da und dabei. Sie machte Gold, Uran, Öl und Wasser zu ihren Themen und wies indianischen Aktivisten den Weg zu Ansprechpartnern in der Politik und in den Medien. Ob indigene Völker oder das Recht auf Nahrung, , ob Ogoni-Flüchtlinge in Benin und ihr Widerstand gegen Ölförderung in Nigeria oder Tuareg und ihr Kampf gegen Uranabbau, immer waren für sie die Menschenrechte der Maßstab, mit dem sie die Welt um sich betrachtete. Sie stieß zur Gesellschaft für bedrohte Völker und gehörte 1996 zu den Gründern von FIAN (Food First Informations- und Aktionsnetzwerk). Sie sorgte dafür, dass die Firma Degussa für ihre toxischen Methoden der Goldgewinnung angeprangert wurde und sie half mit beim World Uranium Hearing, 1992 in Salzburg. Mit Marion Küpker gründete sie 1997 beim Freies Sender Kombinat (FSK) die Radio-Redaktion Ökotopia, die sich mit dem Kolonialismus an indigenen Völkern beschäftigte; vier Jahre lang war sie regelmäßig am Mikrophon und kämpfte auch vor Ort gegen die Privatisierung von Hamburgs Wasserversorgung.
Renate war eine Erscheinung, die sich jedem einprägte: Ihre wettergegerbte Haut, ihr dunkler Teint, ihre kräftigen Hände, ihre intensive Stimme, man kann sich gut vorstellen, wie sie am Küchentisch der Dann Sisters in der Prärie Nevadas saß und dazu gehörte; man schätzte ihren Humor, ihre Unbeirrbarkeit, ihre Fähigkeit zur Wut, ihren gesunden Menschenverstand.
Warum ist die Gegenbewegung zur Monokultur der Globalisierung so stark? Weil immer wieder irgendwo auf der Welt im Hintergrund Frauen wie Renate agieren. Die Menschenrechtsszene hat eine zähe Kämpferin verloren. Möge sie, wie die Navajo sagen, den Weg der Schönheit gehen, möge Schönheit in ihr, hinter ihr, vor ihr, über ihr sein. Walk in Beauty, Renate.