Barbara Dickmann
Angelica Fell

Barbara Dickmann, Angelica Fell
© ZDF, Fotograf: Thomas R. Schumann

Das Auffällige am Atomkraftwerk Krümmel, unweit der Millionenstadt Hamburg, sind die Krümel. Allenfalls zu Nachrichtensplittern klein-gekrümelt gelangen Informationen über Strahlenbelastung im "Normal"-Betrieb an die Öffentlichkeit. Und wenn jemand versucht, aus vielen Informationen ein Bild zusammenzusetzen, formieren sich interessierte Kreise, die verhindern wollen, dass sich die Nachrichtenlage zum Störfall für die Atomindustrie anreichert.

1992 beauftragte der damalige Sozialminister von Schleswig Holstein, Günter Janssen, eine wissenschaftliche Kommission, die auffällige Häufung von Leukämie bei Kindern im Einzugsgebiet des AKW Krümmel/Geesthacht zu untersuchen.

Die Häufung dieser Krebsart in einem dünnbesiedelten Gebiet hatte Eltern und schließlich auch die Lokalpresse alarmiert. Strahlenfachmann und Kommissionsmitglied Professor Dr. Edmund Lengfelder erinnert sich: "Nach einigen Jahren, in denen wir Proben genommen und alle möglichen Materialien in der Umwelt analysiert hatten, fanden wir eine Reihe unakzeptabler radioaktiver Irregularitäten."
Die aber hätten ursächlich nichts mit gehäuftem Blutkrebs bei Kindern zu tun, war alsbald von einer Allianz aus Politik und Gegen-Gutachtern zu hören. Von "Immunschwäche" war die Rede, als die Kommission ihre Befunde über Veränderungen im Chromosomenbild, Radioaktivität in Pflanzenmasse und Hausstaub vorlegte.

Und die Presse beließ es dabei. Woran auch immer die höchste Konzentration von Kinder-Leukämie weltweit liegen mag, das Thema lag alsbald wieder unterhalb der Relevanz-Schwelle. Eltern und Kinder waren mit ihren Ängsten, Befürchtungen und einer einschüchternden Statistik allein.
Beinahe.

Eigentlich ist alles bekannt und trotzdem wird einfach weitergemacht

Zwei ZDF-Journalistinnen, Barbara Dickmann und Angelica Fell, stemmten sich mit ihrer Arbeit gegen die Koalition der Totschweiger. Ihr Film "und niemand weiß warum" verhinderte, dass der "Krebs Cluster" um Krümmel bagatellisiert wurde – was ganz offensichtlich der Strategie von Atomlobby und etlichen Politikern entsprach. Aber die Autorinnen sahen sich auch einem Trommelfeuer von Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt, das spürbar das Maß dessen überschritt, was investigativer Journalismus von jeher zu gewärtigen hat.

Die Qualität ihrer journalistischen Arbeit verhinderte, dass das Duo Dickmann/Fell einfach und mit erprobten Mitteln weggemobbt werden konnte. Sie blieben am Thema, begleiteten unter anderem eine bundesweite Kinderkrebs-Studie im Umkreis von Kernkraftanlagen: "Die Studie bestätigte, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Nähe der Wohnung zum Kernkraftwerk zum Zeitpunkt der Diagnose und dem Risiko, vor dem 5. Geburtstag an Krebs, bzw. Leukämie zu erkranken" (zitiert nach Bundesamt für Strahlenschutz).

Zweifelhaft, ob dieser Befund ohne die Öffentlichkeitsarbeit von Dickmann/Fell zustande gekommen wäre. Und leider unzweifelhaft: die Professionalität und Hartnäckigkeit, mit der die beiden TV-Journalistinnen in die Schatten und Halbschatten-Landschaften der Atom-energie hineinleuchten, ist nicht die Regel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Daher versteht der NFFA die Auszeichnung von Barbara Dickmann und Angelica Fell auch als Aufforderung und Ermutigung jüngerer Kollegen und Kolleginnen, denen Wahrheit mehr bedeutet als Surfen auf Medienwellen und Einschaltquoten.

– Claus-Peter Lieckfeld
Barbara Dickmann, Angelica Fell, NFFA Preisverleihung 2011
Image courtesy Orla Connolly.

The
Nuclear-Free Future
Award

is presented by the
Franz Moll Foundation
for the Coming Generations
to

Barbara Dickmann and Angelica Fell

for their personal courage
and inspiring journalistic commitment
in their quest for truth
to undo truth's mockery

Berlin, Germany
10. April 2011