Das Auffällige am Atomkraftwerk Krümmel, unweit der Millionenstadt Hamburg, sind die Krümel. Allenfalls zu
Nachrichtensplittern klein-gekrümelt gelangen Informationen über Strahlenbelastung im "Normal"-Betrieb an
die Öffentlichkeit. Und wenn jemand versucht, aus vielen Informationen ein Bild zusammenzusetzen, formieren sich
interessierte Kreise, die verhindern wollen, dass sich die Nachrichtenlage zum Störfall für die Atomindustrie anreichert.
1992 beauftragte der damalige Sozialminister von Schleswig Holstein, Günter Janssen, eine wissenschaftliche
Kommission, die auffällige Häufung von Leukämie bei Kindern im Einzugsgebiet des AKW Krümmel/Geesthacht zu untersuchen.
Die Häufung dieser Krebsart in einem dünnbesiedelten Gebiet hatte Eltern und schließlich auch die Lokalpresse
alarmiert. Strahlenfachmann und Kommissionsmitglied Professor Dr. Edmund Lengfelder erinnert sich: "Nach einigen
Jahren, in denen wir Proben genommen und alle möglichen Materialien in der Umwelt analysiert hatten, fanden
wir eine Reihe unakzeptabler radioaktiver Irregularitäten."
Die aber hätten ursächlich nichts mit gehäuftem Blutkrebs
bei Kindern zu tun, war alsbald von einer Allianz aus Politik und Gegen-Gutachtern zu hören. Von "Immunschwäche"
war die Rede, als die Kommission ihre Befunde über Veränderungen im Chromosomenbild, Radioaktivität in Pflanzenmasse und Hausstaub vorlegte.
Und die Presse beließ es dabei. Woran auch immer die höchste Konzentration von Kinder-Leukämie weltweit liegen
mag, das Thema lag alsbald wieder unterhalb der Relevanz-Schwelle. Eltern und Kinder waren mit ihren Ängsten,
Befürchtungen und einer einschüchternden Statistik allein.
Beinahe.
Zwei ZDF-Journalistinnen, Barbara Dickmann und Angelica Fell, stemmten sich mit ihrer Arbeit gegen die
Koalition der Totschweiger. Ihr Film "und niemand weiß warum" verhinderte, dass der "Krebs Cluster" um Krümmel
bagatellisiert wurde – was ganz offensichtlich der Strategie von Atomlobby und etlichen Politikern entsprach.
Aber die Autorinnen sahen sich auch einem Trommelfeuer von Angriffen und Verleumdungen ausgesetzt, das spürbar das
Maß dessen überschritt, was investigativer Journalismus von jeher zu gewärtigen hat.
Die Qualität ihrer journalistischen Arbeit verhinderte, dass das Duo Dickmann/Fell einfach und mit erprobten Mitteln
weggemobbt werden konnte. Sie blieben am Thema, begleiteten unter anderem eine bundesweite Kinderkrebs-Studie im
Umkreis von Kernkraftanlagen: "Die Studie bestätigte, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Nähe der Wohnung
zum Kernkraftwerk zum Zeitpunkt der Diagnose und dem Risiko, vor dem 5. Geburtstag an Krebs, bzw. Leukämie zu
erkranken" (zitiert nach Bundesamt für Strahlenschutz).
Zweifelhaft, ob dieser Befund ohne die Öffentlichkeitsarbeit von Dickmann/Fell zustande gekommen wäre.
Und leider unzweifelhaft: die Professionalität und Hartnäckigkeit, mit der die beiden TV-Journalistinnen in die Schatten und
Halbschatten-Landschaften der Atom-energie hineinleuchten, ist nicht die Regel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Daher versteht der NFFA die Auszeichnung von Barbara Dickmann und Angelica Fell auch als Aufforderung und
Ermutigung jüngerer Kollegen und Kolleginnen, denen Wahrheit mehr bedeutet als Surfen auf Medienwellen und Einschaltquoten.
is presented by the
Franz Moll Foundation
for the Coming Generations
to
for their personal courage
and inspiring journalistic commitment
in their quest for truth
to undo truth's mockery